Reklame: 1986

Dies ist ein Auszug aus der Geschichte „1986“, die Ihr im Buch finden werdet.

1986 war ein bewegendes Jahr. Es war das Jahr, in dem wir als Kinder froh waren, kein Gemüse essen zu müssen, weil da irgendwas in Tschernobyl explodiert war. Und wir standen aufgeregt auf dem Schulhof der katholischen Grundschule „Sankt Quirinus“ – total begeistert von der Explosion der Challenger, die wir zuvor in den „Heute“-Nachrichten gesehen haben.

Wir waren Kinder, um genau zu sein waren wir so um die Sieben oder Acht Jahre alt. Und dem entsprechend haben wir uns reichlich wenig Gedanken über solche Dinge wie verstrahlten Regen gemacht oder darüber, dass in dem Space Shuttle Menschen saßen, die gestorben sind.

Auf dem Dorf aufzuwachsen war in den 1980er Jahren noch so etwas wie ein großes Abenteuer. Unser Leben  bestand daraus, mit unseren BMX-Rädern durch die Gegend zu fahren und Mist zu bauen.

Am Rand unseres Dorfes gab es ein Munitionslager der US-Armee und in unmittelbarer Nähe dazu einen alten Luftschutzbunker, der irgendwann eingestürzt war und nur noch eine Einstiegslucke, gerade passen für einen Achtjährigen Jungen ließ.

Dort verbrachten wir viel Zeit und beobachteten die Soldaten, die ihren Dienst taten. Dabei kamen wir uns ganz schön gefährlich vor und wir waren uns sicher, dass es nur unserem unglaublichen Geschick und unseren perfekten Tarnkünsten zu verdanken war, dass wir nicht geschnappt und in Gefangenschaft genommen wurden.

Im Sommer fuhren wir zum 5 Kilometer weit entfernten Kieswerk und badeten unerlaubterweise in dem künstlichen See. Im Winter, wenn es geschneit hatte, versammelten wir uns an der einzigen Stelle in unserem niederrheinischen Dorf, die etwas von einem Hügel hatte und rodelten mit unseren Holzschlitten den „Berg“ runter. Kopf voran, so etwas wie Bremsen gab es noch nicht.

Wenn mein damaliger Kumpel Christian und ich Langeweile hatten, dann besuchten wir Familie Eskens, vielmehr „Omma und Oppa Eskens“. Ihr Sohn hatte den Hof übernommen und die beiden lebten auf dem Altenteil. Und da der Jungbauer „Junggeselle“ geblieben war, wie man das damals nannte, blieb den beiden alten Leuten der Wunsch nach Enkelkindern verwehrt.

Ich glaube, die beiden haben sich gefreut, wenn wir sie besucht haben. Und wir haben uns auch gefreut, denn sie hatten immer ein paar Süßigkeiten für uns. Naja fast, Kandiszucker, Braun, ich fand den lecker. Einen Hund hatten sie übrigens auch, leider fällt mir sein Name nicht mehr ein. Aber das er an einer langen Kette lebte und jedem Eindringling unmissverständlich klar machte, dass er unerwünscht war. Einmal habe ich versucht, ihn zu streicheln, was mir a) die erste Bißverletzung meines Lebens einbrachte und b) Ärger mit meinem Vater, da ich ja wisse, dass man fremde Hunde nicht anfasst. Verrückt. Vor Achtundzwanzig Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, einen Anwalt einzuschalten oder die Polizei zu rufen. Dabei ist das eigentlich noch garnicht so lange her, zwei Jahre zuvor wurde der VW Golf 2 vorgestellt.

1986 war auch das Jahr, in dem „Ernie“ starb und in dem ich die erste Woche in meinem Leben ohne Hund lebte. Ernie war ein Langhaardackel und entstammte tatsächlich dem „Quelle“-Katalog. Meine Mutter hat mir mal erzählt, wie sie Ernie abgeholt hatte.

Am Güterbahnhof in Wetten, als dieser noch in Betrieb war. Ernie war gut verpackt in einem Wellpappekarton mit ein paar Löchern drin. Acht Wochen alt muss er da gewesen sein und mit der Deutschen Bundespost versendet.

Anders als zu vermuten wäre hatte Ernie kein Trauma, sondern war vielmehr ein typischer Dackel, der stur war wie ein Holzklotz, jagte wie ein irrer und auch schonmal zubiss, wenn man ihn ungefragt hochheben oder streicheln wollte.

Jeden Morgen, wenn der Postbote kam, schoss Ernie aus der Einfahrt und verjagte den Mann mit seinem gelben Auto. All die Jahre. Der Postbote, ein schlauer Mensch, wusste natürlich, dass der kleine Dackel gleich ums Eck käme und hatte eine erstaunliche Mischung aus Reaktionsschnelle und Fahrtechnik entwickelt, so das nie etwas passiert ist.

Womit Ernie allerdings nicht rechnen konnte, war der Umstand, dass auch Postboten mal Urlaub machen. Und die Urlaubsvertretung unseres Postboten konnte wiederum nicht damit rechnen, dass gleich Ernie auftauchen würde. Und so fand Ernie mit nur Neun Jahren sein Ende an der Stoßstange eines Postautos.

Ich weiss noch, dass mein Vater Ernie hinterm Haus auf der Mülltonne abgelegt hatte und dass der Dackel aussah, als wenn er nur schlafen würde. Später fand Ernie seine letzte Ruhestätte im Garten, ohne Genehmigung und bestimmt nicht erlaubt. Das hätte Ernie gefallen.

Darauf folgte die besagte Woche ohne Hund, bis mein Vater schliesslich die Kleinanzeigen in den „Niederrhein Nachrichten“, dem lokalen Anzeigenblättchen durchforstete und auf folgenden Text stieß: „Welpen abzugeben. Telefon …“

Mein Vater ging in den Flur, setzte sich und griff zu dem damals funkelnigelnagelneuen großen, grünen „FeTAp 75“ der Deutschen Bundespost.

Und so fuhren wir mit dem Auto nach Geldern auf einen Bauernhof, die Bauersfrau führte uns zum Schweinestall und dort tobten sie rum. Vielleicht waren es sechs, vielleicht waren es auch Acht, ich kann mich nicht mehr erinnern. Auf jeden Fall waren sie das Ergebnis einer Romanze zwischen der Schäferhundirgendwasdame des Hauses und eines unbekannten Dorfcasanovas, vielleicht einem Rottweiler.

Wir Kinder spielten mit den Welpen und sollten uns einen aussuchen. Ausnahmsweise waren meine Schwester und ich uns einig – es sollte unbedingt dieser eine sein, der Rüde, der Wilde, der, der gerade in meinen Schnürsenkeln hing und diese schüttelte. Ich fand das saukomisch.

Einen Kaufpreis gab es nicht, ebenso keinen Heimtierausweis, irgendeine Impfung oder auch nur eine Wurmkur. Mein Vater übergab der Bauersfrau eine Flasche Rotwein, diese freute sich sehr und wir packten den Hund ins Auto und fuhren nach Hause.

Beim Namen waren meine Schwester und ich uns nicht einig, aber Dank der Tatsache, dass ich schon als Kind so lange quengeln konnte, bis ich meinen Willen bekam, setzte ich mich schliesslich durch und der kleine Derwisch bekam den Namen „Tiger“.

(das geht noch weiter – in Papierform)

 

Gigigigigigigi!

„Gigigigigigigigi – Hiiiiiiiier!“ johlte Frau P. ihrem Hund hinterher, der sich gerade vom Acker machte.

Das Geräusch erinnerte ein wenig an einen an ADHS erkrankten Gockel, der soeben in einen Mixer gefallen war. Während „Fly“ davon nicht besonders beeindruckt war, schauten uns die anderen Menschen auf der Wiese mit einer Mischung aus Sorge und Angst an.

Vor etwa 15 Minuten hatte ich Frau P. kennengelernt, Ersttermin, denn Fly brauchte noch „ein wenig Erziehung“, wie Frau P. mir am Telefon gesagt hatte. Nun war Fly weg und nur hin und wieder konnte man etwas schwarzweisses am Horizont zwischen den Büschen erkennen.

„Der Abruf klappt noch nicht so gut.“, bestätigte mir denn auch Frau P. und während ich mich fragte, warum sie ihren Hund dann von der Leine läßt, blieb meine Neukundin bemerkenwert gelassen in Anbetracht der Tatsache, dass hier noch jede Menge anderer Menschen samt Hund unterwegs waren und auch die nächste Straße nicht allzuweit entfernt war.

Nach gefühlt 30 Minuten, aber vermutlich waren es aber nur 10, tauchte Fly dann am Horizont wieder auf und Frau P. nutzte die Gelegenheit, wie ein Terrorverdächtiger auf der Flucht vor der Polizei in den nächstgelegenen Busch zu hechten.

„Gigigigigigi – Hiiiiiieer!“

„Dann verstecke ich mich immer und meisten kommt sie dann.“, erklärte Frau P., während ein erster Spaziergänger sichtlich besorgt Anstalten machte, zur Hilfe zu eilen und der armen Frau einen Krankenwagen zu rufen.

Aber so ist das. Hat man einen Hund muss man sich auch mal zum Affen machen. Nur das das Fly gerade ziemlich egal war.

Und weil Frau Ps. Strategie jetzt gerade nicht so richtig fruchten wollte, ergriff sie die Flucht. Man kennt das. In der Theorie. Besitzer rennt los, Hund kommt hinterher, schliesslich will er ja nicht verloren gehen.

Voraussetzung hierfür wäre allerdings, dass der Hund auch bemerkt, dass da jemand wegrennt. Fly hatte jedoch gerade wichtigeres zu tun, nämlich in der Form, dass sie gerade einem fremdem Labbi die Nase in den Hintern steckte.

Die anfängliche Besorgnis der herumstehenden Leute ob des merkwürdig anmutenden Verhaltens von Frau P. wich so langsam aber sicher der Verärgerung darüber, dass Fly wie von der Sau gestochen über die Wiese rumpelte, während ihre Besitzerin erfolglos hin und her rannte und „Gigigigigigi“ brüllte.

Eine junge Mutter mit Kind erbarmte sich schliesslich, fing den Hund kurzerhand ein, als er an ihr gerade hochspringen wollte ein und übergab ihn Frau P., die sich überschwenglich darüber freute, „Feeeiiiini“ johlte und Fly ein Frolic ins Maul stopfte.

Gerade in dem Moment, in dem sie ihren Plüschderwisch wieder auf die Menschheit loslassen wollte, konnte ich meine Fassungslosigkeit für einen kurzen Moment überwinden und sagte: „Leinen Se den Hund mal an.“

Angeleint zeigte Fly beste Ambitionen, die nächste Weightpulling-Weltmeisterin zu werden, ständig unterbrochen durch ihr Frauchen, die alle eineinhalb Meter stehen blieb, abwartete, bis Fly sie eines geringschätzigen Blickes würdigte und dann „Feeeeiin!“ hauchte. Sozusagen als Hinweis, dass Fly jetzt weiter ziehen darf.

Frau P. erzählte mir, dass ihr Hund jetzt sechs Jahre alt wäre und Fly schon wahnsinnige Fortschritte gemacht hätten. Gut, das mit dem Abruf funktioniert noch nicht und an der Leine zieht sie auch ein wenig. Zuhause klaut sie wie ein Rabe und wenn Frau P. ihr die Beute wieder wegnehmen möchte, knurrt sie.

Achja, leider kann sie Fly auch nicht alleine lassen – vermutlich Verlustängste. Seitdem die Hundesitterin weggezogen ist, gestalteten sich manche Dinge etwas schwierig. Einkaufen zum Beispiel. Oder Müll rausbringen.

Aber mit Menschen, da ist sie eigentlich toll, freut sich über alles und jeden und begrüßt jeden freudig. Gut, die Leute sollten nicht unbedingt den guten Sonntagsanzug tragen, denn Fly ist sehr kontaktfreudig, höflich ausgedrückt.

Vor meinem geistigen Auge stellte ich mir vor, wie sich Fly wohl so verhalten hat, bevor sie die wahnsinnigen Fortschritte gemacht hat.

Wie gesagt, angerufen hatte Frau P., weil ihr Hund ihrer Meinung noch „ein wenig Erziehung“ benötige, im Laufe der vergangenen 10 Minuten eröffnete sich mir eine riesen Baustelle und ich war mir sicher, dass ich noch länger das Vergnügen mit Frau P. und Fly haben dürfte.

So richtig nachvollziehen konnte sie meinen Einwandt nicht, dass Fly vielleicht ein klitzeklein wenig ungebremst sein könnte und es nur ganz vielleicht und unter Umständen nur so semitoll für anderen Menschen sein könnte, von einer Border Collie-Rampensau angesprungen zu werden, die kurz zuvor noch durch den nassen Acker gewalzt ist.

Eigentlich war Frau P. echt glücklich mit ihrer Hündin und der Meinung, dass sie eeeeecht lieb ist. Mit dieser Meinung stand sie allerdings ziemlich alleine auf der Welt. Aber nunja, der Mensch wächst an seinen Aufgaben. Und häufig arrangiert man sich mit seinem Problem.

Und so lernt man als Hundetrainer auch mal Menschen kennen, die sich einen Helm aufziehen, wenn sie ihren Hund ausführen. Aus Erfahrung, könnte ja sein, dass noch mal wieder jemand anders nachts um Drei durch die Gegend läuft. Oder die ins ehemalige Kinderzimmer umziehen, weil der Vierbeiner sie nicht mehr ins Schlafzimmer lässt. Oder diejenigen, die Futter in die Küche schmeissen und fluchtartig den Raum verlassen, damit der geliebte Vierbeiner ins Chappi und nicht in den Besitzer beißt.

Verrückt. Könnte man meinen, aber irgendwie auch menschlich.

Frau P. hat übrigens zwischenzeitlich einen Teilerfolg verbuchen können. Mittlerweile ist es tatsächlich möglich, fast zwanzig Minuten das Haus zu verlassen, ohne das Fly die Wohnung zerlegt. Sie ist da sehr glücklich drüber, Lebensmittel sind im Supermarkt wesentlich günstiger als von der Tankstelle.

Das bisschen Wahnsinn (2)

Vor einiger Zeit fand ich eine E-Mail von einer Dame in meinem Postfach, deren „Aussie“ nicht „ganz so toll hört“, wie sie schrieb und weshalb sie „kurzfristig“ einen Termin mit mir ausmachen wollte. So zum Kennenlernen. Ich las mir die Mail durch und nahm mir vor, sie am Abend zurückzurüfen. Zwanzig Minuten später bekam ich eine zweite Mail von der Dame mit der Bitte um dringenden Rückruf. Oha, dachte ich mir.

Also rief ich sie an und vereinbarte spontan den Termin.

Kurze Zeit später stand ich in einer sehr wohlhabenden Gegend vor ihrer Haustür und hörte, wie das Tierchen versuchte, sich durch selbige zu fressen, um meiner habhaft zu werden. Außerdem vernahm ich ein kurzes „Aua“ und nach nur wenigen Minuten wurde das Kläffen und Fauchen etwas leiser. Die Besitzerin des herzallerliebsten Hütitütis öffnete mir und ich war derweil froh, dass es nicht regnete.

Frauchen war ziemlich unentspannt und hatte so ein nervöses Zucken rund um die Augen. Mir fiel auf, dass ihre Unterarme und Hände waren ziemlich gelocht waren, sie bat mich rein.

Auf meine – rhetorische – Frage, welches Problem sie mit ihrem Hund hätte, antwortete sie „Er beisst.“ Auf meine Nachfrage, in welchen Situationen er das tun würde, sagte sie „Eigentlich immer“, um gleich darauf klarzustellen, dass er aber eigentlich ein ganz lieber wäre.

Als wir das Wohnzimmer betraten konnte ich einen Blick auf die polternde Nylonkiste werfen, in die Marley, wie der Hund hieß, eingesperrt war. Naja, eingesperrt ist relativ, jeder, der diese Nylon-Kennels kennt, weiss, dass ein einigermaßen schlauer Hund sich innerhalb von Zwanzig Sekunden da durchgefressen hat.

Ich solle Platz nehmen, sie würde Marley gleich aus dem Kennel entlassen. Wichtig sei, dass ich ihn nicht direkt anschaue, denn „das mache ihn böse“. Nach einiger Zeit aber, so versicherte mir die gestresste Hundehalterin, würde er „von sich aus“ Kontakt aufnehmen und sei dann eigentlich ganz brav.

Na toll, dachte ich.

Ob ich einen Kaffee haben wolle, fragte Marleys Frauchen. Hm, Pfefferspray wäre mir lieber, aber Kaffee tut’s auch für den Fall, dass ihre Einschätzung doch nicht zutreffen würde.

Eine alte Hundehalterweisheit besagt, dass ein Hund immer dahin rennt, wo er hinguckt. In Marleys Fall hüpfte die Synthetikkiste knurrend in meine Richtung und ich machte mich schonmal darauf gefasst, dass ich gleich eine Schnappschildkröte in Blue Merle von mir abschütteln dürfte.

Dann geschah es. Frauchen öffnete vorsichtig die Kiste, warf ein paar Futterbrocken von sich weg und da schoss er aus seinem Gefängnis in die Freiheit.

Marley, 16 Wochen alt – ein völlig ungebremster Plüschball, der sogleich laut kläffend in Vorderkörpertiefstellung frei nach Kurt Cobain ein herzhaftes „Here I am now, entertain me“ in die Runde raunzte.

Ich musste mich erstmal sammeln, um nicht loszulachen und die arme Frau so zu düpieren, also nahm ich einen kräftigen Schluck Kaffee.

Tatsächlich war Marley eigentlich „ein ganz Lieber“, wie sich im Laufe des Gesprächs herausstellte. So lange man nichts von ihm wollte, worauf der Hund keine Lust hatte. Den Versuch, den Plüschi anzuleinen, quittierte Marley mit Knurren und beissen. Marley Futter hinstellen – Schnapp. Futter wegnehmen – Schnapp. Sitz – Leck mich. Wow. Noch nicht ganz durchgezahnt eine ziemlich blutige Angelegenheit.

In den knapp sechs Wochen, in denen Marley bei seinem Frauchen lebte, hatten er und seine Besitzerin sich ganz gut arrangiert.

Da Marley es nicht duldete, wenn sich jemand auf „sein“ Sofa setzen wollte, verbrachte die Besitzerin den Tag halt am Küchentisch. Kunstvoll und durchaus mit einer gewissen filigranen Technik hatte Frauchen einen Weg gefunden, dem Hündchen die Leine anzufummeln, OHNE, dass Marley ihr die Hände löcherte. Zwecks Füttern wurde der Hund zunächst ausgesperrt, das Futter aufbereitet und dann der Weg freigeräumt, damit Mamas Liebling in Ruhe fressen konnte.

Ich war einigermaßen erstaunt, nicht unbedingt, weil ich solche Lebensrealitäten noch nicht erlebt hätte. Aber was mich doch gewundert hatte, war der Umstand, dass der Hund noch dermaßen jung war.

Was war schiefgelaufen?

Immerhin hatte Marleys Frauchen mit ihm schon eine Hundetrainerin besucht, die ihr auch gute Tipps gegeben hatte, wie ich fand, und die die nun so Gestresste wohl auch beherzigt hatte.

Etwas ratlos schlug ich vor, dass wir mit Klein-Marley mal rausgehen und ich mir das Gespann mal ausserhalb des Kriegschauplatzes anschaue. Und da wurde es deutlich. Irgendwo auf dem Weg lag Pferdescheisse und der Jungund machte sich sofort auf, diese zu verspeisen. Geduldig wartete Frauchen, bis er sein Werk verrichtet hatte und gab dann ein ausgiebiges „Feeeeiiiini!“ von sich. Ich war etwas irritiert.

„Wollten Sie denn, dass er die Pferdeäpfel frisst?“ fragte ich sie. „Nein, natürlich nicht.“ antwortete Marleys Frauchen. „Deshalb habe ihn doch auch gelobt, als er es gelassen hat!“.

Sie schaute mich ungläubig an, ich schaute ungläubig zurück und rieb mir die Schläfen. Wir liefen weiter, Hütitüti zeigte sich in etwa so leinenführig wie eine Zugmaschine und jedes Mal, wenn er irgendwo hinwollte und ins Ende der Leine rannte, lenkte er um, sprang seine Besitzerin an und biss ihr in die Hände. In dem Moment, in dem er von ihr abliess, kam es wieder: „Feeeeiiiini!“. Ich war baff.

Irgendwann fragte ich dann nach, wie sie denn auf den Trichter käme, dass der Hund mit dem Beissen (und den ungezählten anderen unangenehmen „Nettigkeiten“) aufhören würde, wenn sie ihn dafür auch noch loben würde.

Die Antwort: „Die Hundetrainerin hat mir gezeigt, wie ich Marley „Sitz“ beibringen kann. Sobald er sich hingesetzt hat, habe ich ihn gelobt und er hat ein Leckerchen bekommen. Das hat super geklappt!“ Stimmt, „Sitz“ konnte er, zumindest so lange er es wollte. Wollte er nicht, hatte man die Hände besser in der Manteltasche vergraben.

Nachdem der Hund also „Sitz“ konnte, hatte die Hundehalterin die Trainerin kostenbewusst nach einer Trainingseinheit wieder entlassen und sich gedacht, dass das, was bei „Sitz“ klappt, ja auch bei allem anderen klappen müsse. Und so hat sie ihren Hund in den darauf folgenden Wochen konsequent fürs Scheisse bauen belohnt. Und Marley, der Aussie, lernte schnell und bereitwillig, dass er tun und lassen konnte, was er wollte.

Also erklärte ich der guten Frau, was genau sie Marley beigebracht hatte und das es nun dringend an der Zeit wäre, dass Marley auch mal lernt, was er nicht darf. Und, dass das eben nicht einfach würde. Welcher Prinz lässt sich schon freiwillig vom Thron stürzen. Sie guckte mich einigermaßen zerknirrscht an und erwiderte, dass sie sich das Ganze durch den Kopf gehen lassen würde.

Mich beschlich in dem Moment das Gefühl, dass ich es mit einer „Einwegkundin“ zu tun hatte. Manche Menschen rufen an, es ist dringend, und danach hört man nie wieder was von ihnen.

Abends habe ich dann F. davon erzählt. „Das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint.“ sagte sie. Und sie hatte Recht.

Mich persönlich hat das Ganze ziemlich geärgert, denn wenn die Hundehalterin der Kollegin etwas mehr Zeit als eine Stunde gegeben hätte, hätte sie sich eine Menge Ärger sparen können.

Ich sollte übrigens recht behalten. Gehört habe ich von der Frau danach nichts mehr. Dafür aber von zwei Kolleginnen, bei denen sie noch vorstellig geworden war und die ihr das selbe erzählt haben. Beide Male kam es ebenfalls zu keinem Anschlusstermin.

Eine andere Kundin erzählte mir neulich, dass sie die Frau auf der Hundewiese getroffen habe. Ohne Marley, dafür mit einer Luna.

Das bisschen Wahnsinn (1)

Manche Geschichten sind so bizarr, dass man nicht auf die Idee darauf käme, sie zu erfinden.

Ein Beispiel:Vor einiger Zeit habe ich eine Briard-Hündin kennengelernt, die, nunja, etwas „aussenorientiert“ ist, wie man so schön sagt. Da das Tierchen sich todesmutig auf alles gestürzt hat, was sich bewegt – inklusive vorbeifahrende Autos – hatten sich die Besitzer entschlossen, eine Hundetrainerin aufzusuchen.

Die Dame, die sich auf ihrer Internetseite als Anhängerin der „Trainieren statt Dominieren“-Philosophie zu erkennen gibt, hatte denn auch eine großartige Idee:

Sie verpasste dem Hündchen ein „Calming-Cap“, das ist so eine Art Kopftuch für Hunde, damit das arme überforderte Tierchen vor Umweltreizen geschützt wird. Wer schonmal einen Briard gesehen hat, der weiß, dass diese Hunde ihr persönliches Calming Cap allerdings schon von Hause aus mitbringen, nämlich in Form einer Fellgardine vor den Augen.

Nun sollte die Besitzerin „zeigen und benennen“. Also lief sie mit dem Hund durch die Gegend und zeigte und benannte Autos. Das ist auch gut so, denn sehen konnte der Hund den Feind ja nicht mehr … „Luna – Auto“, na toll.

Wirklichen Erfolg brachte diese Vorgehensweise allerdings nicht. Während einer Trainingsstunde erhaschte das Luna-Mäuschen doch mal einen Blick auf den Gegner – mit dem Ergebnis, dass die Trainerin unschön im Matsch landete und das Dienstleistungsverhältnis abrupt beendet wurde.

Apropo Matsch. Ein bisschen anders, aber irgendwie auch vom Wahnsinn geprägt, ist meine neue Lieblings-DVD, die ich mir aus England bestellt habe.

Das Filmchen mit dem schönen Titel „First Steps in Border Collie Sheepdog Training – From Chaos to Control“, ist mir schon deshalb total sympathisch, weil der Trainer gleich zu Beginn laut „Stand“-brüllend versucht, einen überambitionierten Border Collie zu bändigen und dabei fast slapstick-artig auf die Nase fällt.

Wertvolle Tipps wie „Die und die Schafrasse ist besonders geeignet, aber wenn du keine Wahl nimm, was du kriegen kannst“ finde ich persönlich großartig. Auch die Empfehlung „A Pet Dog can be a good Sheepdog, but a Farm Dog can be a good Sheep Dog, too. And a Sheep Dog can be a good Pet Dog.“ Großartig!

Achja, dabei fällt mir ein. In der aktuellen Ausgabe des „Dogs“-Magazin durfte ich auch mal meinen Senf dazu geben. Wozu? Zu vermeintlich familientauglichen Hunderassen. Zwar ist der Artikel in etwa so spannend geschrieben ist, dass man ihn eigentlich in dem Moment wieder vergessen hat, in dem man die Seite umblättert, trotzdem hat er ein bisschen Staub aufgewirbelt.

Denn Kollegin Ina wird mit der Empfehlung zitiert, dass der Deutsch Drahthaar ein toller Familienhund sei. Nun muss sich die Gute rechtfertigen, allerdings zu Unrecht. Denn genau genommen war ihre Aussage, dass ihr persönlich der Deutsch Drahthaar sehr gut gefällt. Aber nunja.

Was ich in dem Zusammenhang schade finde. Meine Empfehlung, nämlich der Staffordshire Bullterrier, wurde nicht veröffentlicht. Dabei sind das ganz tolle Hunde, wenn man mit den dummen Blicken aus der Umgebung leben kann.

Fortsetzung folgt.

Die andere Seite der Leberwurst

Als ich gerade mit meinen vier Knalltüten durch den Regen trottete, weil die Viecher ja mal müssen, kam mir eine ältere Dame mit einem Rollator und einem Westie entgegen. Als dieser mich samt Hunde erblickte, fing er an zu pöbeln und ich glaube, wenn ich das übersetzen könnte, käme etwas sehr unflätiges dabei heraus. Der Terrier stand also terriertypisch in der Flexileine und drohte uns mit ewigen Schmerzen und einem qualvollen Ende.

Die ältere Dame fing derweil schmutzig an zu lachen, sagte mit rauchiger Stimme „Mach sie fertig“ zu ihrem Hund und schob sichtlich erheitert und in aller Seelenruhe ihre Gehhilfe weiter des Weges. Ich fand das gut und musste schmunzeln, bin mir aber sicher, dass der kleine Terrier seine Drohungen in die Tat umgesetzt hätte und meine achso treuen Hunde das Weite gesucht und auch gefunden hätten.

Einige Minuten später – es regnete inzwischen etwas stärker und meine Hunde hatten immer noch nicht ihr schmutziges Geschäft abgeschlossen – kam mir eine weitere Hundehalterin entgegen.

Sie, modisch gekleidet in Jack Wolfskin, ihr Rhodesian Ridgeback nicht minder modisch in K9 mit „Mamas Liebling“-Bapperl drauf, farblich passend zur 15-Meter-Schleppleine in Biothane®.

Frauchen ist garantiert Ehefrau eines Bankers, der in Frankfurt kleine Sparer über den Tisch zieht, während sie, die Kinder sind schon aus dem Haus, ihre viele Freizeit damit verbringt, irgendwie nicht an der Bedeutungslosigkeit ihres Lebens zu Grunde zu gehen. Ok, ich gebe zu, ich habe da vielleicht ein paar Vorurteile.

Ihre 150-Euro-Gummisteifel aus dem Premium-Reiterbedarfsegment und das Sports Utility Vehicle mit dem CO2-Ausstoss eines chinesischen Kohlekraftwerks, aus dem gerade der Ridgeback gesprungen ist, geben jedoch einen ersten Hinweis darauf, was mich gleich erwartet. Und ich behalte recht. Vorurteile, vielleicht doch eher Urteile.

Während Mamas Liebling beim Anblick meiner Hunde anfängt, sich aufzupumpen, sinniere ich darüber, wie er wohl heissen mag. Meistens haben Ridgebacks irgendwelche wohlklingenden afrikanischen Namen, die dann ins Deutsche übersetzt soviel wie „Eimer“ oder „Baum“ bedeuten. Aber soviel Kreativität traue ich der Dame nicht zu und bin mir sicher, dass der Hund „Paul“ heisst. Oder „Rocky“. Das ist kein Name, das ist eine Diagnose.

Und ich behalte recht. Während nämlich Frauchen einen Moment pennt (sie tippt irgendwas in ihr Smartphone, das garantiert von Kindern in düsteren Fabriken in China hergestellt wurde), poltert Mamas Liebling los und kommt mächtig protzig auf uns zu. Und da kommt es: „Paul, hiiiiiiiiiaaaar“ brüllt die Outdoorkleidungsbewehrte Bad Homburgerin, doch das interessiert Paul reichlich wenig. Ich bin mir sicher, dass seine Besitzerin just in diesem Moment verfluchte, dass sie nicht eine 30-Meter-Leine gekauft hat.

So kommt es zum Showdown. Meine beiden Rüden schauen mich mit einem flehenden Blick an, dass ich ihnen doch bitte erlauben möge, diesem Großmaul seinen Ridge auf links zu prügeln, während meine Hündinnen schonmal die imaginären Pom-Poms zwecks Anfeuerung unserer Mannschaft auspacken. Doch ich bleibe erstmal möglichst gelassen und rufe meinem Gegenüber zu, dass sie doch bitte ihren Hund zurückholen soll.

Die Antwort folgt auf dem Fuße: „Aber er kommt ja nicht, wenn ich ihn rufe.“

Ich überlege noch kurz, ob ich sie jetzt noch fragen soll, warum sie nicht auf ihren Köter aufpassen kann und stattdessen auf ihrem scheiss Technikspielzeug rumdaddeln muss, doch dazu komme ich nicht mehr. Mamas Liebling  steht vorm Tackerchen, baut sich auf, steckt ihm seine dicke Nase in den Hintern und will gerade seinen Kopf auflegen, als mein kleines lustigbunt gemerltes Hütitüti dem angeblichen Löwenhund auf links dreht und ihm auf sehr alttestamentarische Art und Weise zeigt, was er von solchen Typen hält.

Da Paulchen nicht der Schlaueste zu sein scheint und es trotz eingetackerter Ohrstanze vom gleichnamigen Freestyle-Kämpfer nochmal wissen möchte, greife ich ein und verscheuche das Vieh, bevor es noch ernsthaft Schaden nimmt.

Mamas Liebling verschwindet samt Schleppleine und neuerworbenem Loch in den Feldern und Frauchen schaut mich fassungslos an.

Sofort fängt sie an zu poltern, dass ihr Liebling verletzt worden wäre und dass ich für die Kosten aufkommen müsse. Meine Antwort lautet „Nö.“ Ich habe keine Lust, mit ihr über Gefährdungshaftungen, allgemeiner Leinenpflicht in Bad Homburg und solche Dinge zu diskutieren. Ihre Stimme ist mir viel zu hysterisch und außerdem führen solche Diskussionen zu nichts.

Ihr Argument, dass ihr Paul ein ganz lieber sei und meine (angeleinten) Hunde ihn unnötig provoziert haben, quittiere ich ebenfalls mit einem „Nö“. Genauso wie ihre Drohung, dass das Ganze ein Nachspiel haben werde. „Nö“. Dann fragt sie mich, ob das alles wäre, was mir dazu einfalle. Ich überlege kurz und antworte: „Nö, eine Sache fällt mir ein. An Ihrer Stelle würde ich meinen Hund einfangen gehen, schliesslich ist da vorne die Autobahn.“

Frauchen wird bleich, lässt mich im Regen stehen und spurtet in die Richtung, in der sie ihr Liebling vermutet.

Auf dem Weg zurück zum Auto, komme ich am Kronenhof vorbei und treffe die alte Dame. Sie sitzt unter dem Vordach und raucht einen Cigarello. Ihr Terrier fängt an zu kläffen, sie fängt an zu lachen und wiederholt: „Mach sie fertig!“ Als ich ins Auto steige denke ich bei mir, eigentlich hat der Ridge noch Glück gehabt.

Das Steh-Stehkipp-Schlappohr-Dilemma

Wenn man einen jungen Hund sein eigen nennt, dann ergeben sich viele Fragen. Wie erziehe ich ihn richtig? Welches Futter ist am besten geeignet? Welche Junghundegruppe ist die beste? Wie kriege ich es hin, dass der kleine Drecksack nicht immer laut kläffend zu fremden Leuten rennt? Wie hat er das schon wieder geschafft? Und überhaupt, wie soll das nur enden?

Die wichtigste, bedeutenste und existentiellste Frage ist beim Teufelchen im Moment aber eine ganz andere: Wann kommen verdammt nochmal endlich die Stehohren?

Spätestens seitdem F. sich darüber lustig macht, dass Klein-Arco laut ihrer Aussage wie ein Retriever-Mix aussieht und Tom ihn als Hüte-Labbi bezeichnet hat, liegen meine Nerven blank. Immerhin ist er ein echter Harzer Fuchs und die haben Stehohren! Sein Vater hat welche, seine Mutter hat welche und seine Geschwister auch. Nur Arco nicht, die Lappen sind so lang, dass er beinahe drüber stolpert. Aber das kommt noch … oder etwa nicht?

Wenn er auf dem Rücken liegt, dann stehn se schonmal. Und heute – ganz kurz – da stand das rechte Ohr auch für einen Moment. Bevor es wieder in bester Pluto-Manier zum Schlappohr wurde. Hrmpf.

Versteht mich nicht falsch, natürlich mag ich Arco, ein toller Hund, nur Quatsch im Kopf, Michael würde sagen, ein Kevin.

Aber das mit den Ohren, das macht mich fertig. Da bin ich eitel. Als ich ihn mit 8 Wochen bekommen habe, da waren es eindeutig Stehkippohren und es schien sich nur noch um eine Frage der Zeit zu handeln, bis sie stehen würden. Dann kam der erste Wachstumsschub. Und wie sie wuchsen. Die Ohren. Und Klein-Teufelchen sah aus wie ein hochbeiniger Basset.

F. hat natürlich schnell begriffen, dass da mein wunder Punkt liegt. Und so wird jeder noch so kleine – natürlich nuuur neckisch und liebevoll gemeinter Spruch meinerseits mit übelstem Schlappohren-Bashing gekontert. Gestern habe ich heimlich auf dem Klo Bilder von Harzer Füchsen angesehen und musste etwas weinen …

Ich habe es F. nicht verraten, weil ich weiss, dass sie sich die nächsten Wochen schlapp lachen würde. Aber beim mittäglichen Hundelüften ist es passiert. Eine junge Frau kam auf mich zu und fragte: „Ist der süß, ist das ein Golden Retriever?“

In meinen Gedanken hätte ich sie dafür gerne erschlagen. Golden Retriever … hat die eine Macke? So eine dämliche Ziege. Meine Reaktion „Mit so einem hässlichen Köter würde ich besser ruhig sein.“ wurde dann auch mit allgemeinem Unverständnis quittiert.

Aber naja, was soll man machen? Nun warte ich ab, der nächste Wachstumsschub ist schon im Anmarsch. Und auch wenn Wetten gegen mich laufen, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Sie werden stehen, sie werden prächtig.

Und wenn nicht, naja, mit den Witzen kann ich leben lernen müssen, und so ein Hüte-Labbie ist ja auch was ganz besonderes. Darauf ein Sahnebonbon.

Update: Hell Yeah!!!! Sie sind da 🙂

Schwangere Sozialpädagoginnen from Outer Space

 

Betimmte Erlebnisse sind wie Wein. Sie benötigen etwas Zeit zum Reifen, damit sie so richtig gut werden. Und so hat es auch fast ein Jahr gedauert, bis ich über die folgende Geschichte so richtig herzhaft lachen konnte. Aber zäumen wir das Pferd von hinten auf.

E-Mail vom 20. Oktober 2012:

„Solche Leute wie Sie veranstalten am Wochenende doch bestimmt Hundekämpfe.“

Meine Antwort vom 21. Oktober:

„Am Wochenende haben wir Gruppen, Hundekämpfe immer mittwochs.“

Was war passiert? Nun, irgendwann letztes Jahr war es, als ich eingeladen wurde, einen Workshop zu halten. Auf die Frage nach dem Thema antwortete ich „Körpersprache geht immer.“ und so wurden die Veranstalterin und ich uns recht schnell einig.

Am Telefon machte die Dame einen robusten Eindruck und versicherte sich nochmal rück, dass ich kein „Wattewerfer“ wäre, wie sie es nannte. Das würde nämlich nicht passen, sie und ihre Kunden wären eher pragmatisch, so erklärte sie mir und überhaupt, dieses ganze Leckerchengewerfe und Heititei wäre so garnicht ihres. Kein Problem, die Übungen kann man ja anpassen.

Ihres war das nicht, meines auch nicht, und auch nicht Sache der meisten Teilnehmer, aaaaber: Einige Besucherinnen des Workshops waren gänzlich anderer Meinung.

Und so stand ich da, konfrontiert mit dem Clash der Kulturen.

Links die Heititei-Fraktion, die schon beim ersten vermeintlich hundererziehungspädagogisch zweifelhaften Wort ihre Smartphones zückte, um eine Petition zu starten. („Er hat Abbruch gesagt, er hat Abbruch gesagt.“)

Rechts schliesslich die Kundinnen der Hundeschule, die ihren Hunden deutlich und sehr zum Unmut der linken Seite klarmachten, wenn ihnen etwas nicht passte und – um dem ganzen die Krone aufzusetzen – ein Teilnehmer der ganz, ganz alten Schule, dessen Hund passender Weise auch Hasso hieß.

Achja, und die Sozialpädagogin – hochschwanger, hochemotional, hochsensibel und vor allem verliebt und höchst entzückt von ihren völlig unerzogenen Bearded Collie, der während der gesamten Veranstaltung in einer Tour aus seiner Nylonbox rauskläffte. Aber dazu später.

In einer solchen Konstellation kann man eigentlich nur alles falsch machen.

Um mich dem Thema Körpersprache anzunähern, dachte ich mir, dass ich mit einer „Mensch-Mensch-Übung“ starte. Die Aufgabe, dass zwei Menschen einen dritten mittels Angebot und Einschränkung an einen vorher definierten Punkt zu führen, nutze ich gerne zum Einstieg, da man sehr gut sehen kann, wie durchsetzungsfähig die Leute sind, wenn es mal nicht um den Hund geht.

In diesem Zusammenhang habe ich gelernt, dass Menschen, die sich niemals gegen ihren Hund durchsetzen würden, keinerlei Probleme damit haben, einen Menschen körpersprachlich so lange in die Ecke zu stellen, bis dieser die Flucht ergreift. Dem Hassobesitzer musste man derweil öfter mal klarmachen, dass Körpersprache und Körperverletzung nur auf dem ersten Blick ähnlich klingen.

Der erste wirklich große Schock ereilte die Teilnehmerinnen aus der linken Ecke des Seminarraums denn auch, als ich sämtliche Hilfsmittel (Leckerchen, Klicker, Superleckerchen, Gigaleckerchen etc.) konfiszierte und dreisterweise von ihnen verlangte, auf „Feinfeinfein“ und „hiiiiiiiiiaaaaa“ für einen Nachmittag zu verzichten. Die Erkenntnis, dass der Mensch oft nur noch halb so interessant ist, wenn der fressbare Anreiz fehlt, traf sie hart aber nicht unvorbereitet.

Sofort prasselten die Erklärungen auf mich ein, dass der Hund das sonste könnte, dass die Situation ja auch mal sowas von unrealistisch wäre und überhaupt, wie man denn von einem Hund nur etwas einfordern könnte.

Herrn Hasso juckte das währenddessen herzlich wenig, ein schiefer Blick in Richtung Vierbeiner reichte und der arme Hund streckte sofort die Segel.

Ja, und dann war da noch der Bearded Collie, der immer noch nicht heiser war und nun angeleint am Zaun vor sich hin kläffte, fiepte und auch ansonsten ein ganz schönes Theater veranstaltete.

Irgendwann bat ich die Pädagogin, den Köter bitte mal abzustellen, weil man sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Genau das sei ja ihr Problem, erklärte sie mir, denn das Vieh macht dieses Theater den ganzen Tag. Außerdem wäre er ja erst drei Jahre alt und sehr sensibel. Mit Blick auf die Teilnehmerinnen, die nicht vom Wahnsinn befallen aber dafür schon ziemlich entnervt waren, entschloss ich, dass es Zeit zum Handeln war und bot an, dass ich das „Abstellen des Hundes“ für die überforderte Besitzerin übernehmen würde … Die Dame sagte zu, ich erklärte ihr, was ich als nächstes tun würde und sie war einverstanden. Noch.

Es gibt so Hunde, die würden Kevin heissen, wenn sie Kinder wären. Diese Kategorie von Kind, das „Höhö, eine Herdplatte“ sagt, draufgreift, kurz „Aua“ ruft und dann nochmal draufgreift. Und es gibt so Kinder, nennen wir sie Kimberly, die gelernt haben, dass man nur laut genug schreien muss, um sofort von der Mama gerettet zu werden und zu ihrem Recht zu kommen. So ein Exemplar war dieser Bearded Collie.

Er am Zaun. Kläffend. Ich geh hin. Ungefähr einen halben Meter, bevor ihm vermeintlich Ungemach droht, fängt er an zu jaulen, als wenn ich ihm grad ein Frolic in den Hintern gesteckt hätte. Frauchen wird erst bleich, dann rot, dann hysterisch und schliesslich fassungslos. Tränen fliessen. Meine Erklärung, dass ich den Sauköter nichtmal berührt habe, kann ich mir sparen. Die Birne ist geschält.

Immerhin blieb mir die Notentbindung auf dem Hundeplatz erspart. Und der Hund war den Rest des Tages ruhig. Immerhin …

Paul, der Labbi-Mix (22)

Da war die Geschichte mit Herrn Piefke.

Herr Piefke war das, was man einen Macher nennt. Ein gutbezahlter Job in irgendeinem Betonsilo in einer Bankenmetropole, eine nicht hässliche aber dafür umso langweiligere Frau, zwei nichtssagende Kinder und zweimal Urlaub im Jahr. Irgendwann wurde Piefke klar, dass das Leben im großzügig geschnittenenen Loft nicht alles sein konnte. Er hatte ein „Landleben“-Abo und er träumte davon, idyllisch in einem kleinen Dörfchen inmitten der Natur zu leben.

Abends ausschalten und entspannen, Entschleunigung sollte das Motto lauten. Das Leben war schliesslich hart genug. Das hatte er sich verdient.

Eines Tages sollte sein Traum in Erfüllung gehen. Ein Haus am Waldrand mit einem großen Grundstück, auf dem seine Frau so sehr mit Gartenarbeit beschäftigt wäre, um ihn abends nicht mehr zu nerven. Und so zog Piefke mit Kind und Kegel aufs Land.

Die anfängliche Euphorie wich jedoch relativ schnell der Erkenntnis, dass das Landleben so seine Tücken hat. Zunächst in Form von „massiver Geruchsbelästigung“, wie Piefke es nannte, als er vor dem örtlichen Schiedsgericht aussagte. Denn unmittelbar gegenüber von Piefkes Landleben-Traum hatte es der ansässige Landwirt eines Tages tatsächlich gewagt, das Feld zu düngen. Für Piefke, der seine Abende liebend gerne auf seiner Dachterrasse, Typ Slåmø aus echtem Tropenholz von garantiert aussterbenden Bäumen verbrachte, eine Zumutung. So musste er tatsächlich zwei Abende mit seiner Familie verbringen, weil der Gestank – wie er es empfand – nicht auszuhalten war.

Doch nicht nur, dass der Bauer es wagte, sein Land zu bestellen, auch der Hahn, der Piefke jeden morgen aus den schönsten Träumen rieß, entwickelte sich schnell zu einem Ärgernis. „Da muss man mal was tun“ dachte sich Piefke, griff zum Telefon und rief seinen Anwalt an. Da Hähne aber nunmal krähen und Geruchsbelästigung durch Gülle eine ortsübliche Belastung auf dem Land darstellt, musste die große Klage zunächst ausfallen.

Stattdessen traf Piefke beim Schiedsgericht auf einen Landwirt, der ihm während des Schlichtungsverfahrens zunächst virtuell und später vor der Tür auch physikalisch den Stinkefinger zeigte.

Doch nicht nur der güllefahrende und hühnerhaltene Landwirt war Piefke ein Dorn im Auge. Auch die Familie, die das alte Haus einige Meter weiter bewohnte gefiel ihm garnicht.

Die Familie hatte zwei Kinder, die in der Mittagszeit einfach so spielten, ohne Rücksicht auf ihn und seine wohlverdiente Ruhe zu nehmen. Außerdem hatten diese Leute einen Hund. Ach was, das war kein Hund, das war ein Kalb. Und laut war er auch noch.

Zu diesem Zeitpunkt war Paul etwa acht Jahre alt und liebte es, mittags in der Sonne zu dösen und zu schnarchen. Sabine kümmerte sich darum, dass die Kinder die Hausaufgaben machten und da geschah es. Ein Spaziergänger lief am etwas verwitterten Jägerzaun des Grundstücks vorbei. Paul nahm den Fremden wahr, richtete sich auf und begleitete den sichtlich beeindruckten Wanderer mit lautem Gebell die fünfzehn Meter entlang des Zaunes bis zur Grundstücksgrenze.

Paul schnaufte einmal, warf dem Passanten noch einen verächtlichen Blick nach und legte sich wieder zufrieden hin.

Nun muss man festhalten, dass dies das normale Verhalten von Paul war, wenn jemand das Grundstück entlang ging. Allerdings muss man auch festhalten, dass das eher selten passierte. Vielleicht ein- bis zweimal am Tag, meistens wenn der Postbote kam. Und der hatte diverse Tricks auf Lager, wie man der Konfrontation mit Paul entging.

Doch an diesem Tag, es muss ein Freitag gewesen sein, hatte sich Herr Piefke freigenommen. Und dieser blöde Köter war im Begriff, ihm sein langes Wochenende zu zerstören. Also legte Herr Piefke seinen nachbarschaftlich-freundlichen Gesichtsausdruck auf und wollte Sabine zur Rede stellen.

Mit festem Schritt ging er zum Gartentor, öffnete es und wollte gerade „Hallo“ rufen, als er wie von einem Boxer getroffen zu Boden ging.

Piefke konnte mit Hunden noch nie etwas anfangen und als er die Augen öffnete und Paul ihm 42 Gründe entgegenstreckte, warum es besser wäre sich nicht zu bewegen, änderte sich daran auch nichts mehr.

Sabine eilte heran und befreite den sichtlich erbosten Nachbarn aus den Klauen ihres Hundes und holte sich eine Ansage ab, mit der sie sich die Haare fönen konnte.

„Naja, ganz unrecht hatte er ja nicht“, sagte sie abends zu Michael. „Wenn Paul loslegt, ist es schon laut, ich werde etwas mehr drauf achten müssen.“

Michael konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Er hatte Piefke erst einmal kennengelernt. Michael hatte an dem Morgen etwas vergessen und kurz am Feldrand geparkt, als Piefke versuchte mit seinem Auto der gehobenen Mittelklasse an ihm vorbeizukommen. Besonders gut Autofahren konnte Piefke augenscheinlich nicht, denn obwohl mehr als ausreichend Platz da war, musste er umständlich hin und her manövrieren und warf Michael dabei finstere Blicke zu.

In der nächsten Zeit achtete Sabine verstärkt darauf, dass Paul nicht mehr bellte, wenn jemand am Haus vorbeikam.

Doch hatte sie vergessen, ebenfalls darauf zu achten, das Paul nicht fiept, schnarcht, atmet oder – ganz schlimm – gar an die Büsche pinkelt.

„Das riecht ja schon ein bisschen streng.“ zischte Piefkes Frau, die so langweilig war, dass Sabine sich ihren Namen einfach nicht merken konnte. Dabei streckte sie sich so, dass sie gerade über den Zaun gucken konnte und zeigte hysterisch mit dem Finger auf einen Busch. „Da hat der doch bestimmt hingepinkelt.“

Sabine seufzte aus. „Ja, das kann schon sein.“

Ein anderes Mal beschwerte sich Piefke bitterlich, dass Paul gefiept hätte. Michael war in der Küche und hatte davon nichts mitbekommen. Und er konnte sich auch nur schwerlich vorstellen, dass die Nachbarn in 30 Metern Entfernung etwas gehört hätten.

„Ich versuche mich, auf meiner Terasse zu entspannen.“ keifte Piefke und Michael dachte bei sich „Wie wär’s, wenn Du dich auf deiner Terasse erhängst“. Aber das behielt er für sich. Der Mann hatte Anstand.

Den Gipfel der nachbarschaftlichen Unzufriedenheit markierte ein Hundehaufen. Nein, der stammte nicht von Paul. Aber er hätte von Paul stammen KÖNNEN.

Abends saßen Michael und Sabine noch im Bett und schauten einen Film. Plötzlich und durchaus ernsthaft drehte sich Michael zu Sabine und fragte: „Kennst du einen Auftragskiller?“. Sabine erwiderte frustriert „Habe ich auch schon überlegt, leider nein.“

Das Leben mit einem Nachbarn wie Piefke ist sehr anstrengend und die alte Weisheit „Es kann der frömmste nicht in Frieden leben …“ bekommt eine neue, nervige Bedeutung. Doch, so viel sei verraten, auch Piefkes haben ihre Leichen im Keller. Und auch wenn es Zufall war, irgendwann wurden auch Michael und Sabine fündig …

(Fortsetzung folgt)

Hier gehts zu Paul.

Chuck

Ich: „Nookie, ich ziehe Dir jetzt einen Maulkorb auf.“
Nookie: „Wenn Du versuchst, mir einen Maulkorb aufzuziehen, bringe ich Dich um.“
Ich: „Ach weißt Du, Maulkörbe sind eh überbewertet.“

Nookie, eigentlich Nanook, ist ein Malamute-Husky-Mix. Wir nennen ihn der Einfachheit halber einfach „den Malamuten“ und jeder, der uns kennt, weiß beischeid. Er gehört F. und da F. gerade auf einem Reggae-Festival weilt, arrangieren der Nook und ich uns so einigermaßen. Naja, so einigermaßen trifft es nicht ganz. Denn Nookie kann ganz schön zubeissen, wenn ihm irgendetwas nicht passt. Was genau das ist, entscheidet Nookie spontan je nach Tagesform. Mal passt es ihm nicht, wenn ich den leergefressenen Napf wegräumen möchte, mal passt es ihm nicht, wenn ich den Napf stehenlasse. Mal ist er übellaunig, weil ich ihn reinrufe und ein anderes Mal, wenn er draussen bleiben soll. Manchmal stört ihn, wenn ich ihn streichle, mal wenn ich es nicht tue. Und manchmal reicht es, wenn ich atme. Oder eben nicht.

Nun ist der Maulkorb ab und Nook sieht überhaupt nicht ein, warum er ihn wieder aufsetzen sollte. Leberwurst? Pfft. Keine Chance.

Alles in allem also ein Hund, der perfekt in unseren Haushalt passt.

Gut, „Nanook“ ist nicht unbedingt der kreativste Name für einen nordischen Hund. Aber da wissen wir uns zu helfen.

Kommen wir morgens in die Küche, sagen wir „Na Nook“, wenn er etwas lassen soll, sagen wir „Nein Nook“ und wenn wir abends ins Bett gehen, sagen wir „Nacht Nook“. Wir finden das wahnsinnig komich und können uns darüber kringelig lachen.

Nichts zu lachen hatten dagegen Nookies Vorbesitzer. Nachdem er ein paar Mal herzhaft zugebissen hat und diverse Hühner ihr Leben für den Versuch, Nookie an das Federvieh zu gewöhnen, lassen mussten, landete Nookie schliesslich bei uns. Dabei hatte Nookie durchaus eine behütete und schöne Kindheit. Keine groben Erziehungsfehler, keine Traumata – Nookies Familie hat viel dafür getan, dass er ein angenehmer Begleiter mit allen dazugehörigen Annehmlichkeiten wird. Nur das Nookie einen solchen Lebensstil nicht besonders schätzt.

Und immer, wenn uns jemand fragt, wie „der arme Hund sooo werden konnte“, antworten wir: „Er war schon immer so, er ist ein Arschloch!“

F. schaute sich damals das Foto vom Nookie an und war auf der Stelle verliebt. Aus Erfahrung mit anderen nordischen Typen war sie sich sicher, dass man „den schon hinkriegt“. Die Erfahrung mit Nookie beweist derweil, dass die Ausnahmen die Regeln bestätigen. Trotz der Tatsache, dass der Nook grummelig und übellaunig durchs Leben läuft und nach Belieben zwischen Kuscheltier und Killerbestie pendelt, ist er F.s große Liebe. In einem Forum hat sie über ihn referiert und ich muss zugeben. Ein bisschen eifersüchtig war ich schon.

Dozentin: „Möchtest Du Nanook mal anleinen?“Teilnehmer: „Ich glaube Nanook möchte nicht angeleint werden.“

Gleich zwei nette Menschen, die sich aus welchem Grund auch immer mit dem Thema Tierkommunikation beschäftigen, hatten angeboten, Nookie mal mittels zugesandten Foto zu analysieren und ihre Einschätzung abzugeben. F. und ich, die wir beide nicht daran glauben, dachten uns, dass das ja mal eine gute Möglichkeit wäre, zu überprüfen, was da dran wäre, an der Tierkommunikation.

Erstaunlicherweise waren sich beide Kommunikatorinnen einig, was unseren Nookie angeht. Eine griff denn auch gleich zum Telefon und musste es unbedingt loswerden. „Dieser Hund ist böse. Noch nie habe ich soviel Boshaftigkeit gespürt wie in dem Moment, in dem ich das Bild geöffnet habe. Seid bloß vorsichtig, irgendwann wird er einen von Euch töten!“ Wow.

Nunja, es gab schon so einige Situationen, in denen ich froh war, dass der Nook einen Maulkorb auf hatte. Zum Beispiel, als ich im Winter mal im Schnee ausgerutscht bin und Nook meinte, dass das die Gelegenheit wäre, mir zu zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Oder als er sich einen einzelnen Socken aus dem Wäschekorb geklaut hat und ihn verteidigte, als wenn es das Kleidungsstück die letzte verwertbare Beute für mindestens sechs Monate wär.

Jetzt gerade ist Nookie mit dem Rest der Nicht-Hütehunde im Hof und spielt. Und wenn man ganz genau hinschaut, sieht man, dass er ein bisschen mit dem Schwanz wedelt. Aber ganz heimlich.

Ich: „Nookie, willst Du einen Keks?“Nookie: „Wenn Du mir einen Keks gibst, lehne ich mich an Dich und du darfst mich kraulen.“
Ich: „Ich hab Dich lieb, Nookie.“

Achso, warum dieser Artikel „Chuck“ heisst? Weil Nookie der Chuck Norris unter den Hunden ist.

Mal verliert man, mal gewinnen die anderen

Es gibt so Momente, da würde ich mit den Hunden am liebsten Dinge anstellen, die mir einen Riesen-Shitstorm einbringen würden.

In den letzten Tagen häufen sich diese Momente und so langsam neige ich zu der Tendenz, dass das nächste Haustier ein Goldfisch wird. Aber vo vorne.

F. ist nicht da, sie bildet sich fort – weit genug weg, damit sie mein Fluchen nicht hört. So bin ich momentan alleinerziehend und habe neben meinen – natürlich perfekt erzogenen Hundies (*hüstel) – noch die impertinente Brut von Frauchen am Bein. Spass beiseite. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass sich die Bande, als ich dem Bulli in Richtung Norddeutschland hinterwinkte, zusammengesetzt und sich abgesprochen hat. „Wir nutzen die nächsten 12 Tage, um den Typen so richtig in den Wahnsinn zu treiben.“

Ganz klare Aufgabenverteilung:

„Baboo, du kletterst auf die Anrichte und schmeisst was runter, während du, Edda, den Wassernapf umschmeisst. Wenn er uns dann rausschmeisst, fangt Ihr, Reaggea und Tacker, an wie wild zu kläffen, während Du, Polly, vor der Tür stehst und fiepst. Ihr anderen sucht derweil nach Dingen, die man zerlegen kann. Wenn er dann die Küche gewischt hat, uns ins Haus holt und sieht, was wir draussen angestellt haben, geht es in Phase 2. Während er draussen anfängt aufzuräumen, ist es an der Zeit, dass der Welpe reinpinkelt und die Rüden anfangen, sich im Wohnzimmer zu kloppen, während die Dogge einen ordentlichen Schluck auf dem frischgefüllten Wassernapf nimmt, um sich einmal herzhalft zu schütteln.“

Zu zweit stellt die Bande ja gerne mal eine Herausforderung dar, ist man allein mit ihnen, können sie einen schonmal fertigmachen. Und das funktioniert in den letzten Tagen eigentlich ganz gut. Wenn ich meinen Hautwiderstand messe, komme ich zu erstaunlichen Ergebnissen.

Im Haus ist es eh erstaunlich, welche McGuyver-Qualitäten die Tierchen an den Tag legen, wenn es darum geht, an Gegenstände zu kommen, die a) teuer, b) nicht zu ersetzen oder c) eine Riesensauerei verursachen. Ich habe kurz darüber nachgedacht, sie heimlich dabei zu filmen, aber ich bin mir sicher, dass sie dann die Videokamera kaputt machen.

Neben dem hervorragenden Teamwork unserer Lieben, hält natürlich jeder einzelne noch seine ureigene kleine Verhaltensspezialität für mich bereit. So hat der eine gerade seine Leidenschaft fürs Jagen entdeckt und nutzt die Gelegenheit, dass die andere wirklich alles frisst, was ihr beim Gassigang unter die Schnauze kommt. Sie nimmt was auf, ich nehm’s ihr weg und er macht auf zu neuen Abenteuern.

Dazu kommt, dass die eine festgestellt hat, dass sie jetzt läufig werden muss, was die Rüden der Schöpfung wiederrum zum Anlass nehmen, in mehreren Schichten Markierungsarbeiten vorzunehmen, um so ganz klar zu machen: Wenn ich dürfte, wie wollte, dann würde ich können. So hat sich die firedvolle Gruppenhaltung bis auf weiteres erübrigt, weil die Hündinnen sich zusammengesetzt haben, um zu beschliessen, dass wenn die eine läufig ist, werden sie erstmal zickig.

So habe eine strikte Geschlechtertrennung vorgenommen, was pünktlich zur Nachtruhe durch beiderseitigen Chorheulen quittiert wird. Bis auf den Welpen, der kläfft.

Heute ist Bergfest, wie man so schön sagt. Am Wochenende kommt F. zurück. Ich glaube, bis dahin werde ich noch einen netten Brief vorbereiten und mich rechtzeitig zu Sonntag einweisen lassen. Die Reaktion der Hunde darauf, kann ich mir vorstellen. „Hi five, hat ja super funtkioniert. Oh, da ist Frauchen. Damit die den so richtig für bekloppt hält, benehmen wir uns ab jetzt vorbildlich.“