„Plörg“

Eine der großen Frage in Sachen Hundeerziehung ist die nach dem perfekten Beifuss.

Als ich letzten Sommer mal einige Mitglieder eines Hundevereins unter fachlkundiger Aufsicht beim Trainieren beobachten durfte, konnte ich endlich mal sehen, wie es die Profis machen. Eigentlich ganz einfach:

Eine Handvoll Leckerchen in den – eigenen – Mund gestopft, ein freundliches „BeiFuff“ und – plörg – dem Hund ein Leckerchen ins Maul gespukt.

Hund frisst, Hund guckt, weiter geht’s. Plörg – feiner Hund! So liefen die Protagonisten des Erziehungskurses einige Zeit über den Platz, sagten „BeiFuff“ und plörkten vor sich hin. Die Hunde fingen den Keks, frassen und guckten. Plörg, ein seltsames Schauspiel.

Vor meinem geistigen Auge stellte ich mir vor, wie die stolzen Halter eines Deutschen Schäferhundes diese Übung nach draussen transportierten. Hunde lernen ja ortsverknüpft und so. Und ein perfektes Beifuss macht erst richtig Eindruck, wenn es auch andere mitbekommen. Also wird geübt. Spaziergang durch die Innenstadt: Beifuss in der Fussgängerzone, den Mund voller Leckerlie – plörg – Hasso fängt, frisst und himmelt seinen Besitzer an. „BeiFuff“ – plörg – toller Hasso. Tolles Frauchen. So ne Art lebender Futterspender.

Man sollte die Übung idealerweise in einer fremden Stadt machen, denn wenn man mit vollem Mund gerade mitten Training von jemanden angesprochen wird, könnte das für einige Irritationen sorgen.

Übrigens, die Profis nehmen für diese Übung Fleischwurst, Anfänger nehmen Frolic …

Paul, der Labbi-Mix (5)

drohen

Heinz war ein Handwerker, wie er im Buche steht. Einer, der anpacken konnte, erdig war und stolz auf sein kleines Unternehmen. Die Gründung seiner Firma, die sich auf Renovierungen und Innenausbau konzentrierte, war vor 10 Jahren aus der Not heraus geboren. Mittlerweile hatte er zwei Arbeiter angestellt und konnte ganz gut mit dem auskommen, was die Firma so abwarf.

Er nahm einen kräftigen Schluck Kaffee und schaute auf die Uhr. Viertelnachsieben. Um Acht Uhr hatte er den Termin bei diesem jungen Paar. Tapezieren, Streichen, Fussboden verlegen. Nichts besonderes. Heinz zog sich seine Arbeitsjacke an und stieg in seinen Bulli. Er war etwas früh dran und würde die Zeit vertrödeln, in dem er sich beim Bäcker noch ein Brötchen und die Tageszeitung holen würde. Außerdem dachte er sich, besser zu früh als zu spät.

„Oh, ist es schon spät?“ dachte Sabine, als sie im Halbschlaf auf den Wecker schaute. Schlagartig saß sie aufrecht im Bett. „Mist, wir haben verschlafen.“ Sofort weckte sie Michael, der sich verwundert die Augen rieb. Zwanzigvoracht, bald käme der Handwerker. Ausgerechnet heute, das letzte Mal, als sie verschlafen hatte, hatte sie noch studiert und abends zuvor ein bisschen zu viel getrunken.

Schnell zog Sabine sich ein paar Sachen über, die in greifbarer Nähe waren, wusch sich kurz das Gesicht und schnappte sich Paul, der noch dösend auf dem Sofa lag und sie gelangweilt ansah. In zehn Minuten kommt der Handwerker und Paul soll doch im Schlafzimmer bleiben. Also, schnell vor die Tür, der Morgengassigang würde heute sehr kurz ausfallen müssen.

Heinz war derweil froh, dass er direkt vor der Tür des Mehrfamilienhauses einen Parkplatz gefunden hatte. Er kramte seinen Werkzeugkoffer aus dem Bulli. „Niemals mit leeren Händen eine Treppe gehen“ waren die Worte seines Meisters gewesen, als er noch in der Ausbildung war. Er musste schmunzeln.

Es gibt Zufälle im Leben, die könnte man als Schicksal bezeichnen. Wäre Heinz an dem Morgen nicht so früh dran gewesen, wäre er beim Bäcker nicht sofort bedient worden, hätte auf den Straßen mehr Verkehr geherrscht und hätte er nicht einen Parkplatz direkt vorm Haus gefunden, dann stünde er nicht genau in diesem Moment vor der Haustür und klingelte.

Hätte Sabine nicht verschlafen, hätte sie sich nicht das Gesicht gewaschen, ein paar Klamotten übergezogen, die gerade in Reichweite waren und hätte sie Paul noch im Flur angeleint, dann wäre sie nicht genau in diesem Moment mit ihrem Hund im Treppenhaus unterwegs.

Und hätte Michael nicht direkt im Flur gestanden, als es klingelte, wäre er etwas wacher und aufnahmefähiger gewesen und einen Blick auf den verwaisten Korb von Paul geworfen, dann hätte er bestimmt nicht den Türsummer betätigt.

Später würde Sabine sagen, dass alles so schnell gegangen ist, dass sie erst später realisiert hatte, was da eigentlich passiert ist. Heinz würde sagen, dass er eigentlich keine Angst vor Hunden hätte, schliesslich wären viele seiner Kunden Hundebesitzer und man müsse sich damit arrangieren. In dem Moment aber, da hatter er Angst. Angst um sein Leben. Wie es jetzt weiter gehen würde? Erstmal abwarten, was die Ärzte sagen und hoffen, dass die Versicherung für den Verdienstausfall aufkommen würde. Der Hund könne ja nichts dafür, war halt dummer Zufall.

Der Nachbar, der durch den Lärm aufgeschreckt wurde und das Szenario beobachtete, der würde sagen, dass er es immer gewusst hätte. Das es unverantwortlich ist, dass eine solche Bestie in dem doch sonst so friedlichen Haus leben würde. Schliesslich wohnten hier auch alte Leute und Kinder. Und überhaupt, die Frau erwartet doch selber Nachwuchs. Das geht so nicht. Die anderen Nachbarn, denen er in den folgenden Tagen von Paul berichtete, sahen das ähnlich. So geht das nicht, der Hund stellt eine Gefahr für die Menschen hier dar. Man muss mal doch was tun.

Am Abend des selben Tages hatte Esperanza sehr viel zu tun. Sie kam mit ihrer Arbeit nicht voran. Es mussten passende Transportboxen gefunden, aufgebaut und so stabil wie möglich im Mietbus festgzurrt werden, sie musste Impfausweise überprüfen und ggf. nachstempeln, jeder Hund benötigte ein Halsband und so weiter und so fort.

Spätestens um Zwölf Uhr wollten die Tierschützer aus Deutschland losfahren. Vor ihnen lagen knapp Zweitausend Kilometer. Laut Wetter-App würde sich die Hitze heute in Grenzen halten, der Plan war, möglichst schnell durchzufahren. Am nächsten Vormittag warteten die Adoptanten an der Autobahnraststätte auf ihre Schützlinge. Die Route würde sie die Autopista 7 bis Barcelona, dann durch Frankreich durch, über den Grenzübergang bei Mühlhausen bis in den Süden Deutschlands. Sie würden sich mit dem Schlafen abwechseln, möglichst wenig Pausen machen und größere Raststätten nur zum Tanken anfahren.

Nun war es schon Viertelnachzwölf und endlich konnten die zweiundzwanzig Hunde verladen werden. Der Laderaum war für die Boxen zu eng, so dass diese gestapelt werden mussten. Für die Welpen musste noch eine „Leihmutter“ gefunden werden, da sie noch keine zwölf Wochen alt waren und deshalb nicht ohne Muttertier reisen durften. Mangels passender Hündin wurde kurzerhand ein Rüde, der eine gewisse Ähnlichkeit zu den Kleinen aufwies, zum Muttertier ernannt.

Mit einer Dreiviertelstunde Verspätung startete der Transport in Richtung besseres Leben. Das laute Gebell vestummte nach wenigen Minuten. Nur ein Welpe kläffte in einer Tour weiter. Die Tierschützerinnen mussten schmunzeln. „Einer ist immer dabei, der keine Ruhe gibt.“

Schon nach einer Stunde musste der Transport eine Pause einlegen. Die Wetterinformationen aus dem Smartphone stimmten nicht mit der Realität überein. Es war sehr heiß, die Mittagssonne strahlte erbarmungslos auf den Sprinter und so mussten die beiden Damen anhalten, die Hunde mit frischen Wasser versorgen und den Innenraum lüften. Die meisten Hunde waren wohlauf, lediglich den Welpen machte die Hitze zu schaffen und sie lagen apathisch hecheln in ihrer Box.

Die Tierschützerinnen überlegten, was zu tun sei. Umdrehen unmöglich, immerhin warteten die neuen Besitzer bereits in einigen Stunden auf ihre Hunde. So tränkten sie einige Handtücher in kaltes Wasser, um den noch jungen Hunden etwas Kühlung zu verschaffen. „Wir müssen schnell aus der Hitze raus.“ Nun war es Halb Drei, noch mindestens vier Stunden, bis die Temperaturen sinken würden.

Als wenn es eine kühlende Wirkung hätte und die Temperaturen dadurch schneller erträglich würden, trat die Fahrerin aufs Gas. Schnell nach Deutschland.

Zwei Tage später wurde eine süddeutsche Regionalzeitung über eine gemeinse Aktion des Veterinär- und Ordnungsamtes berichten. „Illegaler Welpentransport gestoppt“ würde die lauten und der Redakteur würde beschreiben, dass zwei Frauen mittleren Alters ohne Genehmigung Hunde zum Verkauf nach Deutschland transportiert hatten. Die Tiere wären in einem schlechten Gesundheitszustand gewesen und es gäbe Ungereimtheiten bei den Unterlagen. Der Zugriff erfolgte auf einer Autobahnraststätte. Die Hunde seien beschlagnahmt worden und befänden sich nun im örtlichen Tierheim, in dem sich „die Mitarbeiter um die teilweise kranken und verstörten Hunde kümmern“ würden, wie es hieß.

Jemand hatte die Behörden informiert. Gegen die beiden Damen wurde Anzeige wegen Verstosses gegen gleich mehrerer Paragraphen des Tierschutzgesetzes erstattet und sie müssten jetzt mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 € oder sogar einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren rechnen. Auch von den Adoptanten wurden die Personalien festgestellt. Später würde eine sagen, dass sie sich wie eine Kriminelle vorgekommen sei.

Wie Kriminelle kamen sich auch Sabine und Michael vor. In den Tagen, nachdem Paul den Handwerker Heinz gebissen hatte, spürten sie, dass sie nicht mehr willkommen waren. Die Nachbarn sahen die beiden verständnislos an und sie merkten förmlich, wie hinter ihnen getuschelt wurde. Sabine hatte Heinz im Krankenhaus besucht, glücklicherweise hatte dieser seinen Humor nicht verloren und sagte zu, dass er von einer Anzeige absehen würde.

Sein Arm war eingegipst und pochte ganz schön. Das Krankenhaus nervte ihn gewaltig, den ganzen Tag nur rumsitzen, zwei Infusionen, den Rest der Zeit verbrachte er damit, fernzusehen oder in der Cafeteria rumzusitzen und eine nach der anderen zu rauchen. Die Ärzte hatten ihm gesagt, dass er am Wochenende vielleicht nach Hause könne. Das Infektionsrisiko sei bei Hundebissen nunmal enorm, deshalb müsse er noch etwas ausharren. Ungefär vier Wochen würde er nicht arbeiten können. Schöne Scheisse, zumal seine Arbeitsunfähigkeitsversicherung erst ab dem 40. Tag zahlt.

„Ach komm schon, das kriegen wir irgend auch so gedeichselt.“ Heinz‘ Schwager sah das anders. „Du hast gar keine andere Wahl, was willst du denn der Versicherung erzählen? Das Du in das Maul von dem Hund gefallen bist? Du hast mindestens vier Wochen kein Einkommen. Wenn Du nicht pleite gehen möchtest, musst du das zur Anzeige bringen und Schadensersatz einfordern.“ Heinz leuchtete das ein, aber er hatte ein ungutes Gefühl dabei. Die junge Frau hatte sich vielmals entschuldigt und so schlimm war die Verletzung jetzt auch nicht. Sicher, sie hätte besser aufpassen müssen. Aber jeder macht mal was falsch.

Außerdem waren ihm diese ganzen Behörden zu wider. Seitdem er mit dem Bauamt Ärger wegen seiner Lagerhalle gehabt hatte, konnte er diese Sesselpubser nicht mehr ausstehen. Aber sein Schwager hatte recht, wenn er nicht pleite gehen wollte, musste er was unternehmen.

(Fortsetzung folgt)

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 6.

 

 

 

Paul, der Labbi-Mix (4)

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„Nachwuchs. Schon wieder.“ Esperanza lebte in einem kleinen Ort im Norden von Spanien und betrieb, seit dem sie sich zur Ruhe gesetzt hatte, ein kleines Tierheim. Die 62-jährige seufste, nahm das Bündel neugeborener Welpen in den Arm und brachte es erst mal ins Warme. Heute nacht war es empfindlich kalt gewesen und die kleinen waren unterkühlt. Sie würde die Welpen mit der Flasche großziehen müssen.

In jüngeren Jahren hatte Esperanza einige Zeit in Deutschland studiert und schliesslich als Deutschlehrerin in Barcelona gearbeitet, bis sie mit ihrem Mann in den Norden gezogen war. Die Idee mit dem Tierheim war eher zufällig entstanden, Esperanza war schon immer tierlieb und als sie aus dem Beruf ausgestiegen war, fing sie irgendwann gemeinsam mit einer Freundin an, die Straßenhunde der Umgebung anzufüttern, einzufangen, zu kastrieren und wieder auszusetzen.

Schon bald hatte sich rumgesprochen, dass die beiden Damen sich um herrenlose Hunde kümmerten und mit der Zeit brachten immer mehr Anwohner Hunde und Katzen zu Esperanza. Glücklicherweise verfügte die Finka über ein großes Grundstück. So lebte seit einigen Tagen eine verletzte Hündin in den Hecken hinter dem Pool. Jeden morgen fütterte Esperanza das scheue Tier an und war sich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis sie sich dem Hund soweit nähern könnte, dass eine tierärztliche Untersuchung möglich wäre.

Nach kurzer Zeit jedoch stiegen die Kosten in so schwindelerregende Höhen, dass sich die beiden Tierschützerinnen etwas überlegen mussten. Über ein Internetforum traten sie in Kontakt zu einer privaten Tierschutzgruppe, die sich seit dem um die Vermittlung der Hunde kümmerte und ein- bis zweimal im Monat mit einem großen Transporter vorfuhr, um die Hunde, die ein Zuhause gefunden hatten, abzuholen. Mit den 40 Euro, die sie von den Deutschen für jeden Hund bekam, konnte sie zwar nicht die Kosten für Versorgung, Impfungen, Kastrationen usw. decken, aber immerhin, besser als nichts.

Einmal hatte Esperanza nachgefragt, ob es möglich wäre, den Preis etwas zu erhöhen. Doch ihre Ansprechpartnerin hatte ihr glaubhaft versichert, dass die Tierschützer dermaßen hohe Kosten zu bewältigen hätte, dass das nicht möglich wäre. Außerdem gäbe es viele Tierheime in Spanien und anderswo, die gar kein Geld für die Hunde bekämen. Die Chancen, einen Hund in ihrer Nachbarschaft zu vermitteln, waren eher gering und so war Esperanza auf die Hilfe der Gruppe angewiesen.

In den letzten Jahren hatten sich in der Gegend einige deutsche Ruheständler niedergelassen. Die waren hier nicht besonders gern gesehen. Kein Wunder, viele von ihnen hatten das Platzen der Immobilienblase in Spanien genutzt, um günstig Eigentum zu erwerben. Unter Androhung einer Zwangsvollstreckung hatten viele der ehemaligen Besitzer lieber schnell verkauft, um so wenigstens einen Teil der Schulden zahlen zu können und den Verlust in Grenzen zu halten.

Eine dieser Ruheständlerinnen war Roswita, Ehefrau eines ehemaligen Kaufmannes aus Düsseldorf. Vor etwa einem Jahr stand sie morgens vorm Tor von Esperanzas Anwesen und hatte gefragt, ob sie Hilfe gebrauchen könnte. Natürlich, gerne. Und so verstärkte Roswita das Team um Esperanza.

Roswita fuhr oft die Gegend ab und sammelte Straßenhunde ein, die sie fand. Leider manchmal auch Hunde, die eigentlich jemanden gehörten, aber nach dem Dafürhalten der Deutschen unter inakzeptablen Umständen lebten.

Esperanza wusste, dass Roswita es nur gut meinte, doch war sie es, die mit den Anfeindungen der Nachbarn leben musste. Sie hatte versucht, ihrer Helferin zu erklären, dass sich die Hundehaltung in diesem Teil von Spanien deutlich von dem unterschied, wie Hunde in Deutschland lebten. Und das sie nicht möchte, dass es Streit mit den Bauern der Umgebung gäbe. Und natürlich, dass es Diebstal ist, einfach einen Hund mitzunehmen.

Erst vor einigen Monaten stand ein zorniger Mann vor Ihrem Haus und wollte in das Grundstück eindringen. Er war außer sich vor Wut, brüllte Esperanza an, dass sie seine Hunde rausrücken solle. Das sie eine Diebin sei und das sie was erleben könne. Die Spanierin sagte, dass sie die Hunde nicht hätte und eigentlich war das nichtmal gelogen. Sie hatte die Hunde nicht mehr, denn sie waren kurz vorher nach Deutschland transportiert worden.

Wutschnaubend war der Mann schliesslich abgezogen und hatte noch gedroht, dass sie sich ja niemals seinem Grundstück auch nur nähern sollte …

Sich Paul zu nähern stellte sich in diesen Tagen wiederrum etwas schwierig dar, insbesondere in Verbindung mit Sabine. Michael hatte das Gefühl, dass der mittlerweile 45 Kilo schwere Rüde ganz genau durchschaut hatte, dass sie schwanger war und seine Aufgabe darin gefunden hatte, sie vor allem Unglück dieser Erde zu schützen. Wenn Sie mit dem Hund unterwegs war, musste er sich wenigstens keine Sorgen machen. Zumindest nicht um Sabine. Fremde durften sich ihr nicht nähern, aber das hatte auch keiner vor. Paul zeigte durch seine Haltung und seinen Blick ganz klar, dass man besser auf Abstand blieb.

Auch in der Wohnung akzeptierte Paul nur solche Besucher, die er kannte. Sabine und Michael hatten sich damit arrangiert. Denn seinen Besitzern gegenüber war Paulchen einfach nur nett und zeigte sich als ruhiger und verschmuster Hund. Sogar die Sache mit dem Sofa hatten Sabine und Michael aufgeweicht. Hatte Paul auf Anraten des Herdenschutzhund-Experten bis Dato Sofaverbot, so konnte sich der Rüde mittlerweile eine Ecke mit eigener Decke auf der Wohnlandschaft sichern.

Überhaupt verlief das Leben der werdenden Eltern einigermaßen reibungslos.

Nur eine Sache bereitete ihnen Sorgen. In der nächsten Woche würden die Handwerker anrücken und das zukünftige Kinderzimmer renovieren. Die große Frage war, was Paul davon halten würde, wenn fremde Menschen zwei Tage lang ein und aus gehen. Einmal war es bisher passiert, dass sie nicht aufgepasst hatten. Sabine hatte dem Paketboten noch zugerufen, dass er warten sollte, doch da stand er schon im Flur. Beziehungsweise an der Wand, vor ihm Paul, der ihn mit einem kräftigen Schubser dahin verfrachtet hatte und ihn nun bedrohlich anknurrte. Sabine wunderte sich heute noch, wie laut sie „Aus!!!“ brüllen konnte.

Der Versuch, den Hund vorübergehend in einer Hundepension unterzubringen, war an dem Versuch gescheitert, Paul der Pensionsinhaberin vorzustellen. Sie war nett fanden Sabine und Michael, Paul jedoch nicht. Und so beschlossen sie, dass Paul im Schlafzimmer bleiben würde, so lange die Handwerker im Haus sind.

(Fortsetzung folgt)

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3 und zu Teil 5 von „Paul, der Labbi-Mix“.

Paul, der Labbi-Mix (3)

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Bis 3 Uhr morgens stöberte Sabine in verschiedenen Foren, auf Webseiten von Züchtern und Verbänden. So erfuhr sie viel über die Herkunft der Hunde, über ihre Verwendung und über ihren Charakter. Schliesslich fand sie sogar heraus, dass Paul ein Akbaş sein musste. Der Hund auf dem Bild sah ihm zum Verwechseln ähnlich. Im Herdenschutzhunde-Forum las Sabine viel über das Zusammenleben mit diesen Hunden und über die häufigsten Probleme. Was sie beunruhigte war die Tatsache, dass fast alle Nutzer des Forums eher ländlich lebten und die meisten ein Haus mit Garten hatten. Das sei wichtig, um diesen Hunden und ihrem Wesen gerecht zu werden, stand da.

Sabine und Michael konnten Paul keinen Garten bieten, den er bewachen könnte. Sie wohnten nun seit zwei Jahren in der 3-Zimmer-Eigentumswohnung. Den Balkon, den könnte Paul gerne bewachen, mehr war leider nicht drin.

Beim Frühstück berichtete Sabine ihrem Mann von den Erkenntnissen, die die nächtliche Internetrecherche ergeben hatte. Zum einen konnte sie nun einordnen, warum sich Paul so verhielt, warum er Fremden gegenüber so reserviert war. Ernsthaft, das beschrieb es ganz gut. Nun war Paul noch jung. Ihre wirklichen Eigenschaften zeigen Herdenschutzhunde erst, wenn sie älter sind, überhaupt brauchen sie im Vergleich zu anderen Hunden recht lange, um erwachsen zu werden. Das hatte Sabine recherchiert. Und bei dem Gedanken wurde ihr etwas mulmig, schliesslich begrüsste Paul schon jetzt Besucher nicht besonders freundlich und beäugte sie kritisch.

„Naja,“ sagte Michael, „bis jetzt ist ja garnichts passiert. Ich schlage vor, dass wir uns jemanden suchen, der uns hilft, Paul zu erziehen. Es gibt doch bestimmt Spezialisten für diese Hunde. Wir suchen uns so einen und arbeiten dran.“ Sabine nickte. Noch am selben Abend setzte sich Sabine wieder an den Computer und durchforstete die Foren und Webseiten auf der Suche nach einem Experten für Herdenschutzhunde. Schliesslich wurde sie auch fündig, musste jedoch feststellen, dass der nächste, der Hilfe versprach, Eineinhalb Stunden Autofahrt entfernt wohnte. Trotzdem wollte sie seine Einschätzung hören und rief ihn noch am Abend an.

Menschen, die sich auf bestimmte Hunderassen wie Herdenschutzhunde oder auch Wolfshunde spezialisiert haben, haben häufig eines gemeinsam. Sie wohnen zumeist etwas abgelegen. So auch der Experte, den Sabine im Internet gefunden hatte. Insgesamt zwei Stunden dauerte die Fahrt durch verschlafene Dörfchen, über langgezogene Hügel und verwinkelte Straßen, bis sie endlich mit Paul den Hof erreichten.

Die vielen Empfehlungen waren nicht übertrieben. Der Mann hatte viel Ahnung, beschrieb die verschiedenen Hundetypen und konnte bildhaft erklären, wie die Anatolischen Hirtenhunde arbeiteten und worauf es bei der Erziehung ankommt. Er machte auch keinen Hehl daraus, dass Sabine und Michael sich ein ordentliches Stück Arbeit aufgehalst hatten und referierte ausgiebig über klare und verläßliche Strukturen und ebenso klare Grenzen, die ein solcher Hund bräuchte.

Sein Urteil über Paul: „Ganz toller Hund, jetzt braucht Ihr nur noch eine Herde Schafe, die er bewachen kann.“ Michael musste grinsen, aber gleichzeitig hatte er das ungute Gefühl, dass der Experte das tatsächlich ernst meinte.

Auf dem Weg nach Hause waren sich Sabine und Michael einig. Die Tipps vom Experten waren hilfreich, aber leider war er zu weit weg. Also beschlossen sie, dass sie es doch noch mal mit einem Hundetrainer versuchen wollten, auch wenn die Erfahrung aus der Junghundegruppe in schmerzhafter Erfahrung geblieben war.

Dreiunddreißig Hundeschulen. Das war das Ergebnis im Branchenbuch. Sabine war erstaunt. So viele Hunde gibt es hier in der Gegend doch garnicht, dachte sie. Michael scherzte: „Super, für jeden Hund eine.“ Der Plan war, mit jeder Hundeschule zu telefonieren und sich dann für die zu entscheiden, die die meiste Expertise über Hunde wie Paul aufwies.

Soweit der Plan, doch musste Sabine schnell feststellen, dass das nicht so einfach ist. Die ersten Telefonate liefen immer gleich ab. Eine freundliche Begrüßung, eine kurze Vorstellung der Hundeschule und des Angebotes – bis das Gespräch dann auf Paul kam. Hier war dann der Punkt, an dem die Hundeschuleninhaber dankend ablehnten. Fünfzehn Telefonate, fünfzehn mal „Nein Danke.“ So lange Paul ein Labbi-Mix war, war er willkommen. Jetzt nicht mehr. Dabei war er doch noch der selbe Hund. Irgendwann gab Sabine frustriert auf. Das schaffen wir schon. Im Forum findet man viel Hilfe, dann eben ohne Hundetrainer.

Es mussten ungefähr sechs oder sieben Monate vergangen sein, seitdem Sabine und Michael Paul bei sich aufgenommen hatten. Aus dem melancholisch dreinblickenden Teddy wurde langsam aber sicher ein beeindruckender Rüde, der mittlerweile auch begann, zu zeigen, was in ihm steckte. Besuch bekam das Paar mittlerweile selten, sie waren in ihrem Freundeskreis die einzigen Hundehalter. Pauls Bellen, sobald jemand vor der Tür stand, war wenig vertrauenserweckend und auch, wenn er nichts unternahm, wenn jemand in die Wohnung kam, hielt sich das Verständnis des Besuches ob des finster dreinblickenden großen Hundes arg in Grenzen.

Also zogen die beiden es vor, Freunde besuchen zu gehen. Wenn sich doch mal jemand angekündigt hatte, so wurde Paul ins Schlafzimmer gesperrt, sobald es klingelte. Mit der Zeit zeigte Paul immer weniger Verständnis für diese Maßnahme und pöbelte ausgiebig hinter der verschlossenen Tür. Auch der Gassigang entpuppte sich mit der Zeit als Herausforderung. Paul, der mittlerweile 39 Kilo wog, hatte eine Menge Kraft und fand es überhaupt nicht komisch, wenn sich andere Hunde in der Nähe aufhielten. Wie auch? Michael hatte mal den Versuch unternommen, mit Paul auf der Hundewiese Kontakte zu Artgenossen zu knüpfen. Leider Fehlanzeige. Die netten Hundehalter wichen den beiden aus, die weniger netten sagten direkt, dass sie verschwinden sollten. Als wenn der Park ihnen gehören würde. So zogen Michael und Paul von dannen und gingen fortan im nahegelegenen Wald spazieren. Ohne fremde Hunde und vor allem ohne unfreundliche Hundehalter.

An dem Abend kam Sabine nach Hause und war seltsam aufgekratzt. Die letzten Tage war es ihr nicht so gut gegangen, weshalb sie heute einen Arzttermin hatte. Sie kam ins Wohnzimmer, begrüßte Paul und strahlte Michael an. „Ich bin schwanger“ flüsterte sie erst so leise, dass er es kaum verstand. „Bitte was?“ Sie wiederholte die frohe Kunde, er war ganz aus dem Häuschen, umarmte sie und war glücklich.

Der Traum würde wahr werden. Sabine und Michael waren überglücklich. Die romantische Vorstellung der glücklichen Familie, die sich beide so sehr wünschten. Eine Familie wie aus dem Bilderbuch: Die beiden Kinder, ein hübsches Mädchen und ein frecher Junge, und – Paul.

(Fortsetzung folgt)

Hier geht es zum vierten Teil von „Paul, der Labbi-Mix, hier zum ersten und hier zum zweiten.

Paul, der Labbi-Mix (2)

paul

Sabine brauchte einen Moment, um zu verwirklichen, dass es endlich soweit war. Endlich. Mit großen Augen schaute sich Paul unsicher um. Tatsächlich war er etwas größer als beschrieben. Aber er hatte den selben melancholischen Blick wie auf den Fotos. Dieser Ausdruck, der war es, in dem sich das Paar auf den ersten Blick verliebt hatten. Endlich griff sich Sabine ein Herz und kniete sich runter zu Paul. „Hallo Paul“ flüsterte sie leise. „Willkommen, jetzt wird alles gut.“

„Garnichts ist gut“ brüllte derweil Pablo zur gleichen Zeit etwa 2.500 Kilometer entfernt und knallte die Haustüre der kleinen Finka zu. Wütend stampfte er herunter zu den Stallungen, setzte sich in seinen Geländewagen und brauste davon. Ungefähr 15 Minuten dauerte die Fahrt zu seiner Herde. Normalerweise würde er jetzt die Ruhe nach einem harten Arbeitstag geniessen, aber seit dem Unbekannte vor einigen Tagen seine Hunde gestohlen hatten, fand er keine ruhige Minute mehr. Schon zu oft hatten irgendwelche Taugenixe die Abgeschiedenheit genutzt und Lämmer gestohlen oder seine Maschinen beschädigt. Außerdem gab es in der Gegend viele streunende Hunde, die einige Schafe gerissen hatten.

Pablo, den alle nur McEnroe nannten, weil er ein ähnlich aufbrausendes Gemüt wie der Tennisspieler hatte, war stinksauer. Ohne seine Hunde konnte er bei der Herde übernachten. Und vor allem waren es nicht irgendwelche Hunde. Lange hatte er gesucht, bis ihm ein Kollege den Tipp gegeben hatte und er endlich einen Züchter gefunden hatte, dessen Tiere fest im Wesen und zuverlässige Wächter waren.

Und viel Geld hatte er bezahlt. Aber das war nicht das Problem. Vielmehr hatte er sehr viel Zeit und Energie in die Ausbildung der Hunde investiert. Er schwor auf den Akbaş, schätzte die Zuverlässigkeit und die Selbstständigkeit, mit der diese Hunde nicht nur über die Herde wachten, sondern auch aktiv Eindringlinge bekämpfen. Besonders stolz war er auf den jungen Rüden, den er erst vor kurzem von einem Schäfer abgekauft hatte. Mit ihm hatte er große Pläne gehabt, er war begeistert von diesem treuen und dennoch ernsthaften Begleiter, der allein durch seine pure Anwesenheit jedem zu verstehen gab, dass er sich besser nicht nähert.

Pablo hatte schon Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, hatte eine Belohung ausgelobt und war stundenlang durch die Gegend gefahren. Nichts. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als bei seinen Schafen zu bleiben. Der Züchter hatte am Telefon gesagt, dass er in den nächsten Wochen einen Wurf erwarten würde. Aber bis die Hunde ihren Job machen könnten, würde mindestens ein Jahr vergehen. Ein Jahr. Verdammte Scheiße! Pablo machte es sich in seinem Land Rover so bequem, wie es in einem Land Rover möglich ist, warf einen letzten Blick auf sein Kleinkalibergewehr und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen stellte er fest, dass drei Schafe fehlten.

An nichts fehlen sollte es derweil Paul. Die erste Nacht als Hundebesitzer war überstanden. Leider war Paul noch nicht stubenrein und hatte einige Pfützen und Haufen hinterlassen. Überhaupt schien Paul das Leben im Haus noch nicht zu kennen. Der arme Hund. Die Nacht über hatte er gewinselt und an der Tür gekratzt und bei jedem kleinen Ton gebellt. Dem entsprechend waren Sabine und Michael auch etwas übernächtigt, als sie am Küchentisch saßen und einen Kaffee mehr als sonst tranken.

Auf Anraten des Tierschutzverein hatte Michael sich zwei Wochen freigenommen. Eigentlich fand er das blödsinnig und hatte der Dame erklärt, dass er eh von Zuhause aus arbeiten würde. Aber bestimmt hatte sie recht, als sie sagte, dass es gerade zu Beginn wichtig wäre, sich viel Zeit für einen Hund mit einem dermaßen schlimmen Schicksal zu nehmen, wie Paul eines gehabt hatte.

Immerhin konnte Michael die Zeit nutzen und mit seinem neuen Mitbewohner ins  nahegelegene Zoofachgeschäft zu fahren. Denn Paul war tatsächlich etwas größer, als Sabine und er angenommen hatten.

Also packte Michael das Geschirr, das Halsband, das Hundebett, die Kuscheldecke für unterwegs, die Kuscheldecke für den Kofferraum, das weitere Hundebett für Michaels Büro und den Hundemantel auf die Rückbank und Paul in den Kofferraum des Auto und machte sich auf, die frisch erworbenen Utensilien gegen welche eine Nummer größer umzutauschen. Bzw. Zwei Nummern größer, denn der freundliche Verkäufer im Fachgeschäft erklärte Michael, dass „da noch was kommt“. Sieht man an den Pfoten, aha. Wird ein ganz schöner Brummer. Ok.

Als nächstes stand der Tierarztbesuch an. Paul durchblickte die Lage sofort und stellte sein Verhaltensrepertoire um auf „Andalusischer Esel“. Kein Bitten, kein Betteln, nichts half. Paul wollte nicht untersucht werden. Die anderen Besucher im Wartezimmer der Kleintierpraxis guckten sich das Schauspiel amüsiert an. Hilft ja nichts, dachte sich Michael, also trage ich ihn am besten rein.

Später konnte Michael nicht erklären, was der Grund dafür war, dass er mit Paul unverrichteter Dinge wieder nach Hause fuhr. Es war dieser Blick, der in ihm ein Gefühl ausgelöst hatte, dass er Paul besser nicht hochheben sollte. Ein diffuser bedrohlicher Blick. Plötzlich war ihm unwohl geworden. Sabine schüttelte mit dem Kopf. „Ist doch kein Wunder, der arme Kerl ist gerade erst angekommen. Er hat bestimmt Angst gehabt. Lass ihn sich doch erstmal eingewöhnen.“

Sanft streichelte sie Paul über seinen Kopf und Paul erwiderte die Geste, in dem er sich auf den Rücken legte und seinen Bauch zum Streicheln anbot. So ein toller Hund.

„So ein toller Hund“ dachte sich auch Pablo an diesem Abend. Aber 800 Euro? In der Gegend hatte sich natürlich rumgesprochen, was ihm passiert war. Und der Bauer, der ihm gegenüberstand wusste ganz genau, in welcher misslichen Lage er sich befand. Und nutzte das natürlich aus. In Pablo brodelte es, er spürte förmlich, wie seine Schläfen pochten und am liebsten hätte er seinem Gegenüber einen kräftigen Tritt verpasst. 800 Euro, das war ein Monatsgehalt. So ein Arsch. Aber er wusste, dass er keine Wahl hatte. In den letzten Wochen hatten Streunerköter Lämmer gerissen. Die waren so schnell, dass sie schon wieder verschwunden waren, als Pablo sich endlich aus seinem Schlafsack befreit hatte.

Nun hatte er endlich wieder einen Hund, leider keinen Akbaş, sondern einen Karabaş, ein sehr großer, ernsthafter Zeitgenosse, den sicherlich niemand so einfach stehlen würde. Er würde ihn Samsun nennen, so wie wie früher in der Türkei. Hunde so groß wie Löwen. Das passte. Nun musste Samsun nur noch lernen, die Herde zu bewachen und Pablo als seinen Herren akzeptieren.

Lernen stand am Samstag vormittag auch auf dem Programm von Paul. Ein Besuch in der Junghundestunde war angesagt. Etwas aufgeregt fuhren Sabine und Michael auf den Parkplatz des Geländes, auf dem sich die Hundeschule befand. Einige Hundebesitzer waren schon da, die Hunde tobten wild über den Platz, während sich die Besitzer angeregt unterhielten. Die Hundetrainerin kam zum Tor, begrüßte Sabine und Michael und schaute Paul freundlich an, was dieser mit Desinteresse erwiderte.

„Er ist sehr schüchtern.“ sagte Sabine, „er wurde von Tierschützern gerettet und lebt erst seit zwei Wochen bei uns.“ Die Hundetrainerin lächelte freundlich und sagte: „Naja, schüchtern finde ich ihn garnicht, er ist sehr reserviert, aber das ist für die Rasse typisch.“ Michael staunte und erwiderte, dass Paul doch ein Labrador-Mix sei und die doch eigentlich eher sehr gesellig wären. „Labbi-Mix? Nein, bestimmt nicht. Paul ist ein Herdenschutzhund, ich würde sagen, ein Kuvasz oder sowas. Naja, kommen Se erstmal rein, lassen Sie Paul an der Leine und wir gucken mal, wie er sich mit den anderen Hunden verträgt.“

Es wäre übertrieben zu sagen, dass Paul, der ja erst geschätzte 6 Monate war, unverträglich mit Artgenossen wäre. Vielmehr zeigte er keinerlei Interesse an dem Unfug, den die anderen Hunde so trieben. Eher gelangweilt schaute er sich das bunte Treiben an. Nur als ein Labbi (Michael fiel auf, dass die wirklich viel kleiner sind als ihr Paul) sich ihm etwas ungestüm näherte, zeigte Paul dem Jüngling sehr deutlich, dass er besser Abstand halten sollte. Für die Besitzerin des Aufdringlings reichte das jedoch völlig aus, um in hysterische Panik zu verfallen. Danach kamen sich Sabine, Michael und vermutlich auch Paul etwas ausgestossen vor, denn den Rest der Stunde mussten sie hinterm Wildzaun warten. Die Hundetrainerin entschuldigte sich noch etwas beschämt für die harrsche Reaktion ihrer Kundin, als die anderen Hundehalter den Platz mit geringschätzigen Blick in Richtung unseres Trios verliessen.

Beim Abendessen sprach Michael es aus: „So eine hysterische Kuh, ihr Hund hatte nicht einen Kratzer. Und hast du gesehen, wie die uns angeschaut haben? Das war das letzte Mal, dass wir in die Junghundegruppe gegangen sind.“ Sabine nickte nur mit dem Kopf und kraulte grübelnd ihren Paul hinterm Ohr.

Nach dem Essen setzte sie sich an den Rechner und begann zu recherchieren. Ein Herdenschutzhund hatte die Hundetrainerin gesagt …

(Fortsetzung folgt)

Hier geht es zum ersten Teil von „Paul, der Labbi-Mix“ und hier geht es zum dritten Teil von „Paul, der Labbi-Mix“.

Paul, der Labbi-Mix (1)

ronjaeyes

Es ist schon total erstaunlich. Wirft man einen Blick in die üblichen Tierschutzportale im Internet, könnte man den Eindruck bekommen, dass auf den Straßen Südeuropas ausschliesslich Rassehunde rumlaufen, die sich mit anderen Rassehunden vergnügen, um dann Welpen für den Tierschutz zu produzieren. Nur so lässt sich erklären, warum der niedliche Straßenhund-Welpe, den die „private Tierschutzinitiative Pfötchenfellnasennotfellewauzisinnot“ gerade zwecks Adoption via Internetshopping feilbietet, ein „Border Collie/Husky-Mix“ sein soll.

Vielmehr ist der kleine Pups, der mich da gerade auf dem Foto angrinst, eher ein rasseloser Hund, ein Mischmasch aus Generationen vererbter genetischer Vielseitigkeit. Was eigentlich etwas gutes hinsichtlich zu erwartender Krankheiten und Lebenserewartung des neuen Familienmitglieds wäre. Aber verkaufen tut sich sowas nicht. Und auch der moderne Tierschützer von heute muss natürlich Marketing betreiben, um in der Masse der Konkurrenz Abnehmer für seine Notfälle zu finden.

Beschreibung: Hund, eindeutig. Vier Pfoten, zwei Ohren, eine Nase und zwei Augen. Kläffen kann er auch. so Mittelgroß, Fell hat er auch, Schwarzweisswuschig.

Das wäre zwar ehrlich, aber irgendwie nicht verkaufsfördernd. Und so wird aus dem netten Wasauchimmer das spektakuläre Ergebnis einer Liäson zwischen einem potenten, reinrassigen Huskyrüden und einer eleganten Border Collie-Dame, vermutlich ganz romantisch bei Sonnenuntergang am Strand von Palma. Bevor die junge Hundemutter dann das schlimme Schicksal von Obdachlosigkeit ereilte. Alleine, mit den Acht kleinen Rackern im Bauch kämpfte sie sich mit schlechtbezahlten Aushilfsjobs durch, bis sie schliesslich gerettet wurde … Gottseidank aber auch.

Zum modernen Tierschutzmarketing gehören immer auch herzzereissende Geschichten. Das ist in Ordnung, wenn’s hilft, von mir aus. Hauptsache gerettet, den Hund hätte ein schlimmes Schicksal erwarten können.

Achja, zum Thema Schicksal: Etwas weniger in Ordnung fand ich das Schicksal des Hundes, der von Tierschützern in Budapest gerettet wurde. Als der – frisch zugewanderte – Vierbeiner beim Tierarzt vorstellig wurde, fand dieser etwas ungewöhnliches vor. Der Hund hatte nämlich zwei Mikrochips. Die Überprüfung ergab, dass seine Besitzer ihn in Ungarn suchten. Deutsche Tierschützer hatten „die arme Seele“ nämlich aus dem Vorgarten gepflückt und mal schnell „gerettet“. Viel hilft viel, und die Ungarn sind ja eh alle verkapte Tierquäler. Oder so.

Eine Mischung aus besonders gelungenem Marketing und einem – nunja – besonders tragischen Schicksal erzählt die Geschichte von Paul und seinen Menschen.

Paul wurde nicht etwa deshalb Paul genannt, weil jeder zweite Rüde Paul heisst, sondern weil der Schriftsteller Jean Paul und überhaupt die gesamte Literatur der Romantik die gemeinsame Leidenschaft von Michael und Sabine war. Die beiden waren das, was man wohl als Intellektuelle bezeichnen würden. Sie liebten die Debatte, den geistigen Austausch und lange Gespräche. An einem Abend, an dem Michael aus seiner Kindheit erzählte und sentimal wurde, als er vom Hund seines Großvaters sprach, da beschloss Sabine, das ein Hund das Leben der beiden komplettieren sollte.

Auch so eine romantische Vorstellung: Eine Familie wie aus dem Bilderbuch, vielleicht zwei Kinder, ein hübsches Mädchen und ein frecher Junge. Der Traum Sabines. Und ein Hund, nun der passt zum Bild, oder?

Also begann Sabine, die Abende damit zu verbringen, sich zu informieren, welcher Hund zu ihnen und vor allem zu den Kindern, die sicherlich bald kämen passen würde. Außerdem war sie absolute Anfängerin, was Hunde anging und Michael konnte auch nur auf die Erfahrung mit Großvaters Hund zurückgreifen. Sogar einen Hundetrainer suchte sie auf, um sich beraten zu lassen. So kam sie zu dem Schluss, dass ein Labrador der ideale Hund für Michael und sie sein würde. Aber kein schokofarbender oder gar schwarzer Labbi, nein ein blonder sollte es werden. Bei „Marley und ich“ hatte sie geweint, dass passierte ihr sonst nie bei Filmen. Und Michael war begeistert, vielmehr noch. Er fühlte sich verstanden und auf eine tiefe Art und Weise geliebt, nie wäre er von alleine auf die Idee gekommen, einen Hund anzuschaffen, auch wenn er diesen Wunsch schon so lange in sich trug.

Die Suche nach dem richtigen Hund gestaltete sich dann doch komplizierter als beide gedacht hätten. Ein Welpe sollte es sein, da waren sie sich einig. Sie besuchten einige Züchter, mussten aber schnell feststellen, wie schwierig es ist, zu unterscheiden, ob sie nun bei einem verantwortungsvollen oder unseriösen Vertreter dieser Zunft gelandet waren. Außerdem waren sie verwundert, dass man so lange warten musste, da der Labrador ein sehr beliebter Hund ist.

Sabines Freundin Anne konnte die Idee, einen Hund vom Züchter zu kaufen, eh nicht nachvollziehen. Die Tierheime sind voll und Hunde gibt es eh schon zu viele. So reifte in den beiden der Gedanke, dass sie einem armen Tropf aus dem Tierschutz adoptieren wollten. Einem armen Geschöpf etwas gutes zu tun, das gefiel ihnen. Und dann kam Paul, der zu dem Zeitpunkt noch Hope hieß, bzw, erstmal seine Geschichte:

Hope ist ein Labrador-Mix und hat in seinem kurzen Leben sicherlich nichts gutes erlebt. Tierquäler haben dem armen Kerl beide Ohren abgeschnitten und ihn vermutlich ausgesetzt. Esperanza, unser Tierschutzengel vor Ort, fand die traurige Seele abseits der Straße im Nirgendwo. Ganz auf sich allein gestellt. Bestimmt wurde Hope geschlagen, denn er ist Menschen gegenüber sehr ängstlich. Aber mit viel Liebe und Verständnis kann auch Hope lernen, dass es DEN Menschen gibt, der seine zerstörte Seele aufbaut und ihm Geborgenheit gibt. Sind Sie dieser Mensch? Wollen Sie Hope zeigen, dass es auch Freude im Leben gibt? Hope ist geimpft, gechippt und kastriert.

Die Fotos waren etwas undeutlich, aber es war deutlich zu erkennen, wie melancholisch der arme erst 6 Monate alte Hund dreinschaute. Sabine und Michael hatten sich verliebt. Also griff Sabine zum Telefon und rief sofort die unter Anzeige angegebene Telefonnummer an.

Die Dame am Telefon erklärte ihr, dass Hope sich noch im Tierheim befinden würde, aber schon bald ausreisen könne. Vorher müssten Sabine und Michael aber eine Vorkontrolle über sich ergehen lassen, um zu prüfen, ob sich Hope bei ihnen auch wohlfühlen würde. Kein Problem, sagte Sabine, schliesslich hatten sie ja nichts zu verbergen.

Schon zwei Tage später klingelte es an der Tür und eine weitere Dame stellte sich als Helferin des Vereins vor. Gemeinsam gingen Sabine, Michael und die Dame einen Fragebogen durch. Sabine fand das gut, immerhin kümmerten sich die Tierschützer darum, wo die Tiere schliesslich landen. Michael waren die Fragen ein wenig zu persönlich und außerdem konnte die Dame nichts zu Hope sagen.

Noch am selben Abend rief der Tierschutzverein an, toll, dass die Vorkontrolle so positiv war. Einer Adoption stand nichts mehr im Wege. Sabine überwies die fällige Schutzgebühr und schon am nächsten Samstag abend würde Hope, den sie nun in Paul umgetauft hatten, Teil ihrer Familie sein. Abends lagen beide im Bett und waren ein bisschen stolz auf sich. Bald wären sie Hundebesitzer und nach der Vorkontrolle waren sie sich sicher – er würde schön.

Den Tag vor Pauls Ankunft verbrachten Sabine und Michael in den Zoofachgeschäften im Umkreis. Allenthalben ernteten sie Bewunderung für diese gute Tat, einzig eine ältere Frau murmelte etwas von überfüllten deutschen Tierheimen und von Krankheiten.

Damit sich Paul von Anfang an wohlfühlen würde, kauften sie alles, was ein Hund benötigt:

Eine 2m-Leine, eine 3-Meter-Leine, eine Flexi-Leine, eine Schleppleine, ein Geschirr, ein Button für das Geschirr mit der Aufschrift „Der tut nix“, ein Button für das Geschirr mit der Aufschrift „Blondenführhund“ (Michael fand das unglaublich witzig), ein Halsband, zwei Näpfe, ein Hundebett, ein Gitter fürs Auto, einen Reisenapf, eine Kuscheldecke für unterwegs, eine Kuscheldecke für den Kofferraum, ein weiteres Hundebett für Michaels Büro, einen Hundekamm, eine Hundezahnbürste, ein Plüschtier (genauer gesagt zwei, weil Sabine dieses eine so toll fand), ein Quietschie, einen Ball, eine Ballschleuder zum Ball, ein Buch “ Clickern“, einen Clicker, Ein Buch „Apportieren“, ein Apportel, einen Futterbeutel, ein Buch „Welpenerziehung“, einen Sack Junghunde-Futter, 12 Dosen Dosenfutter, vier Tüten Leckerchen, Kauspielzeug, Zwei Tüten Zahnreinigungskaustangen, Kaustangen, einen Hundemantel (schliesslich war es ja kalt in Deutschland), einen Halsbandanhänger mit einem eingravierten „Paul“, einen Kotbeutelbeutel und drei Rollen Kotbeutel.

Den Abend vor Pauls Ankunft verbrachten Sabine und Michael damit, im Telefonbuch und im Internet nach Hundeschulen, Tierärzten, Hundepensionen und Hundesitter zu recherchieren. Man weiss ja nie, besser man ist vorbereitet.

Dann war es Samstag, der große Tag: Wie verabredet waren Sabine und Michael pünktlich um 22:30 Uhr am Treffpunkt, einer Autobahnraststätte. Neben ihnen waren noch einige andere Leute da. Außerdem noch eine Dame, die wohl vom TIerschutzverein war und ständig mit irgendwem telefonierte. Es war kalt an diesem Abend, es hatte geregnet und auf dem Parkplatz spiegelten sich die Schatten der Wartenden im Laternenlicht.

„Es wird etwas später“ teilte die Helferin des Vereins mit. Der Transporter stünde im Stau und sei gerade erst in Dingenskirchen losgefahren. Also setzen sich Sabine und Michael in die Raststätte, gemeinsam mit einem Pärchen, das sie eben kennengelernt hatten. „Oh, wie süß, ein Labbi-Mix.“ „Und Ihrer? Oh, ein kleiner Boxer, der ist ja niedlich.“

Eine gute halbe Stunde später war es dann soweit. Ein großer Transporter fuhr auf den Parkplatz, hielt an und zwei sichtlich übermüdete Damen stiegen aus. Kurzer Smalltalk, wie war die Fahrt, ach doch so lange? Dann sind’se jetzt bestimmt froh, wenn Sie nach Hause kommen.

Die beiden Transporterfahrerinnen nestelten in einem Beutel mit Impfausweisen und jeder der Wartenden erhielt den Ausweis zum Hund. Dann öffneten sie die Seitentüre des Busses und Sabine konnte einen ersten Blick auf Paul werfen. „Hope“ stand da auf einem Blatt Papier, dass an die große Transportbox geheftet war. Und im Schein der Taschenlampe konnte sie einen Blick auf seine bernsteinfarbenen Augen werfen. Sabine war aufgeregt, griff nach Michaels Hand und spürte ein Kribbeln im Bauch, das sich ein wenig wie die erste Liebe anfühlte.

Eine der beiden Fahrerinnen nahm Sabine das Geschirr aus der Hand und öffnete die Transportbox. „Oh, das ist aber ein bisschen eng“ kicherte die Dame, als sie Paul aus dem Bus hievte.

Da stand er also. Willkommen Paul.

Hier geht es zum zweiten Teil von „Paul, der Labbi-Mix“

Wildschweine sind Schweine …

selbstschuss

Es ist Frühling, auch wenn man es bei angenehmen -3 Grad ° nicht wirklich glauben sollte. Willkommen in der Jahreszeit, in der ich pünktlich zur Uhrzeitumstellung vom Winterschlaf in eine deftige Frühjahrsmüdigkeit falle. Ausgerechnet, denn mit Frühjahrsbeginn ist eigentlich erhöhte Wachsamkeit hier auf’m Berg angesagt. Denn während ich mich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten kann, erwacht rund um meinen „Hütehundejagennich“-Hütehunden und mir die pralle Natur.

Ganze Herrscharen an Kitzen, Frischlingen und sonstigen frischgeborenen Getier verwandeln jeden entspannten Spaziergang in ein psychologisches Intermezzo zwischen mir und meinen Lieblingsrüden. Ein scharfer Blick, gepaart mit einer Körperhaltung, die Türsteher an den Tag legen, um so richtig zu beeindrucken – das Ganze aber in Bewegung. So imponierlaufe ich durch die Gegend, während Tacker mich mit diesem Grinsen anschaut, welches mir ganz klar signalisiert: Warte nur, meine Zeit wird kommen!

Das schöne am Landleben ist ja bekanntlich die Ruhe und die Nähe zur Natur. Das Schlimme am Landleben mit einem Hütehund ist die Ruhe vor dem Sturm und das die Natur, und damit alles jag- bwz. hütebare, so verdammt nah ist.

Aber die Kontrolle des Jagdverhaltens kann man ja üben. Kein Problem, der Trick ist bereits beim Appetenzverhalten, wie es in Verhaltensbiologendeutsch heisst, anzusetzen und nicht erst, wenn Waldi bereits am Horizont verschwindet. Das minimale Problem dabei ist, dass wir quasi von Lebendfutter umzingelt sind. Die Streunerkatzen haben schnell rausgefunden, dass es in unserer Mülltonne immer etwas verwertbares zu finden gibt. Das enttäuschende an Hundefutter, so denkt sich der Streunerkater von Welt, es schmeckt garnicht nach Hund!

Dann gibt es noch Füchse, die meine Nachbarn in den Wahnsinn treiben, weil sie einzelne Schuhe von der Tür wegklauen und ein überaus dreistes Eichhörnchen, welches meinen Hunden in bester „Need for Speed“-Manier klar macht, dass es ersten schneller auf dem Baum ist, als die Hunde es kriegen können und zweitens den Beweis antritt, dass das mit der Schlauheit von Hütehunden nicht für für alle gilt.

Achja, und direkt vorm Haus befindet sich die Wildschwein-KiTa der Gemeinde, in der der Nachwuchs das Umgraben der Wiese, grunzen und das Umgraben der Wiese sowie Grunzen lernt – jede verdammte einzelne Nacht.

Nun sind Wildschweine nicht Ohne. Sie sind Allesfresser und eine Bache, die zum Schutze ihrer Frischlinge einen Kampf mit einem Hund aufnimmt, lässt diesem kaum eine Chance, wenn der nicht gerade ein jagdlich geführter Parson Russel Terrier ist. Der Nullachtfünfzehn-Familienhund, der einer Rotte hinterhermacht, wird häufig nicht wiedergefunden. In dieser Beziehung sind Wildschweine nämlich sehr nachhaltig, der unglückliche Jäger wird komplett verwertet.

Also, sollte der hundeliebe Mensch besser aufpassen, dass er Keiler und Co. gerade zu dieser Jahreszeit besser nicht begegnet. Wildschweine haben einen besonderen Eigengeruch, sie riechen streng nach Maggi, sagt man. Sobald man also diese feine Note in der Nase hat, heisst es den geordneten Rückzug anzutreten. Am Arsch die Räuber. Unsere Wildschweine haben das ganze Tal in diesen herben Geruch gelegt. Es riecht überall nach Sau!

Naja, dafür sollen die Tierchen im Normalfall sehr scheu sein. Eine Behauptung, die ich nicht bestätigen kann. Letztes Jahr fuhr ich einmal mit dem Auto den geteerten Feldweg zu unserem Haus hoch, als sich gerade eine Bache samt Nachwuchs auf der Straße die gewerkschaftlich zugesicherte 5-Minuten-Pause gönnte. So trat ich auf die Bremse, saß ich hinterm Steuer und überlegte, was zu tun ist. Einmal auf die Hupe, einmal Auflbendlicht und – die Sau gönnte mir einen Blick maximalen Unverständnisses und schnorchelte in Ruhe weiter nach wasauchimmer. Nach einiger Zeit liess sie sich dann aber doch herab, meinem Wunsch nach Weiterfahrt zu entsprechen, pfiff ihren Nachwuchs ran und ging gaaaaaaanz in Ruhe weiter.

Überhaupt, man geht friedlich mit dem Geruch von Maggi in der Nase seinen Hund ausführen, wie es so schön heisst. Einmal im Wald um die Kurve, da stehen sie schon, gucken einen schweinisch an und grunzen einem förmlich zu: „Sackgasse“. Hier gehts nicht weiter. Na toll, ich wollte eh grad umdrehen.

Irgendwer hat mal erzählt, man könnte Wildschweine mit einer Trillerpfeife verscheuchen. Stimmt nicht, ich hatte eher den Eindruck, dass sie anfangen, rhythmisch zu meinem Gepfeife zu wippen. Aber Gangnam-Style!

Nun gut, in diesem Umfeld gehe ich also mit meinen Hunden spazieren und wir üben Nichtjagen:

Von mir aus 20 Meter vor mir, von mir aus auch 30 Meter hinter mir, aber wag es und geh nur einen Meter in den Wald! Das ist die Maxime, Rehe haben auch ein Recht auf Ruhe, basta! Und ausserdem: Safety first!

Denn zu den natürlichen Feinden des expandierenden Hundes gehören schliesslich nicht nur Wildschweine, sondern insbesondere auch Jagdausübungsberechtigte. Seitdem wir mal den Hund des hiesigen Jagdaufsehers mit scharfgeschaltetem Teletakt um den Hals beim Rehekillen erwischt haben, kann man das Verhältnis zwischen uns als entspannt bezeichnen. Man grüßt sich freundlich und die Waidmannschaft hat plötzlich sehr viel Verständnis für uns!

Und wir für sie. Bei soviel Freundlichkeit. Was mich jedoch stutzig macht, ist die Tatsache, dass unser Revierjäger in der letzten Saison nicht ein Wildschwein geschossen hat. Nicht eines! Das ist ein Wildschwein weniger als mein Nachbar im Kühlergrill seines Autos hängen hatte. Vielleicht sollte er einfach mal mit Gassigehen.

Das Ende der Verwertungskette

nase

Eine Geschichte für Ute, die nach dem Lesen weiss, warum und ein Dank an den großen Meister für den Begriff „Kleinpopelsdorf“!

Herr Maier hatte ein Problem. Es hiess Rex. Die Vergangenheitsform deshalb, weil Herr Maier dieses Problem jetzt nicht mehr hat. So ist das.

Rex ist ein Schäferhund-Bordercollie-Mix und lebte eigentlich das stinknormale Leben eines jeden mittelprächtig erzogenen Familienrüden. Im Kreise der Lieben ein Herzchen, auf der Hundewiese eine Rampensau. Und als Jogger akzeptierte man besser die je nach Tagesform varierende Individualdistanz, die Rex gerade für angebracht hielt. Auch Eindringlinge – auf diesen Planeten – oder Leute, die Herrn Maier „Hallo“ sagen wollten fand Rex ziemlich blöd und zeigte denen auch deutlich, was sie erwartete. Sowas aber auch.

Hunde wie Rex gibt es zu Tausenden. Und trotzdem haben Rex und Herr Maier eine Geschichte erlebt, wie es sie zwar auch zu Hauf gibt, die mich aber tierisch ärgert. Denn ich war dabei. Und erstaunt.

Eines Tages ging Herr Maier mit Rex seinen täglichen Gassigang am Rande eines Industriegebietes, als er unvermittelt von einem dieser Jogger, die ich gerade erwähnt habe, überholt wurde. Rex dachte sich wohl „die dumme Sau, die blöde“ und schnappte dem Sportler kurz aber bestimmt nicht schmerzlos herzhaft in den Hintern und der Jogger ging laut schreiend und mit viel Tamtam zu Boden.

Soweit, so schlecht. Was folgte war ein erboster Freizeitsportler, ein blauer Fleck und eine zerissene Jogginguniform aus Weltraummaterial. Und eine Anzeige beim Ordnungsamt.

Die Büros des Ordnungsamtes der Gemeinde Kleinpopelsdorf sind ein Hort der Ruhe. In dem kleinen Städtchen passiert nicht allzuviel aufregendes. Hier mal ein Verstoss gegen die Sperrmüllbestimmung, da mal ein abgemeldetes Auto am Straßenrand. Herr Jedermann, der Leiter der Behörde ist dem entsprechend auch eher ein ruhiger Geselle, der es gerne gemütlich angehen lässt. Und so fiel ihm auch fast das Leberwurstbrötchen aus der Hand, als man ihm mitteilte, dass auf den Straßen seiner – ich betone SEINER – Gemeinde ein Hund rumrennt, der einfach so arglose Menschen zerfleischt. Sowas geht nicht, sowas gehört geahndet! Sauerei!

Mit ungewöhnlicher Schärfe ging die Gemeinde denn auch gegen Herrn Maier und seinen Rex vor. Innerhalb kürzester Zeit sollte er die Sachkunde nachweisen und Rex einen Wesenstest ablegen. Und bis dahin galt Stubenarrest von Amtswegen gegen Rex. Herr Maier, der eigentlich ein gutmütiger und gesetzestreuer Mensch ist, schaute grübelnd seinen Hund an und dachte sich, dass Rex ja auch mal Gassi gehen müsse. Familie Maier wohnte mitten im Ort und hatte keinen Garten, in dem Rex seine Geschäfte hätte erledigen können.

Außerdem kannte Herr Maier seinen Rex. Wenn der Wesenstester ihm zu nahekäme, wäre der Test schneller beendet als er sich für seinen Hund entschuldigen könnte.

Also ging Herr Maier zum Ordnungsamt und beantragte eine Fristverlängerung. Herr Jedermann zeigte sich zwar wenig verständig Für Maiers Anliegen, gewährte ihm aber eine Gnadenfrist von einigen Wochen. Doch auf das Stubenarrest, darauf bestand er. Kein Maulkorbzwang, kein Leinenzwang, Stubenarrest, basta. Immerhin galt es, die Bürger von Kleinpopelsdorf vor dieser Bestie zu schützen.

Herr Maier ging nach Hause und blätterte im Telefonbuch. Dort wurde er schnell fündig: Ein ausgewiesener Experte für Agility, Longieren, Treibball, Trickdogging, Herrchenmorgenseinenkaffeekochen, Zeitung bringen, Kinder aus dem brennenden Wald retten, Leinenpöbeln, Leinenflechten, Clickern, Clackern und Clockern und – da stand es: Aggression. Und wenn das nicht klappt: Angst! Und gelernt hat der Mann nur bei den besten.

Diese Koryphäe würde Herrn Maier helfen – da war er sicher. Also flux zum Telefon gegriffen, Ersttermin für fuffzich Euro vereinbart und der siegesgewisse Blick zu Rex: Alles wird gut!

Die 50 Euro für den Termin beim Spezialisten sollten nicht die einzigen Kosten bleiben, die Herr Maier in den nächsten Monaten zu entrichten haben würde. Schliesslich muss Rex ja mal pinkeln. Mangels Garten bugsierte Maier seinen Rüden ins Auto, fuhr mit ihm weit raus und ging in der Dämmerung spazieren. Er war selbst erstaunt darüber, wo eigentlich überall Mitarbeiter des Ordnungsamtes rumliefen. Während er die ersten Male noch mit einer Verwarnung davon kam, stiegen die Bußgelder irgendwann in schwindeleregende Höhen …

Aber soweit war es ja noch nicht. Und bald würde ja alles gut werden. Der Termin beim Retter war ja gemacht.

An dem Tag war Herr Maier etwas verwundert, dass Coschäfke, der Hundeexperte aus dem Telefonbuch, Rex garnicht sehen wollte. „Esch geht ersch ma um des grundlägende Verschtändnis, verstähn se.“ sagte Herr Coschäfke und erklärte Herrn Maier Eineinhalb Stunden lang, dass er nur bei den besten gelernt habe, über 30 Jahre Erfahrung hätte und erörterte die neuesten Erkenntnisse, die Coschäfke aus seinem Hunderudel gezogen hätte. Was Rex‘ Verhalten angeht, erklärte er, dass sie in der nächsten Woche darüber sprechen würden und Herr Maier bis dahin folgende Bücher lesen sollte.

Abends vorm Fernseher sah Herr Maier seinen Rex ratlos an. Während er beim Hundetrainer war, hatte der Postbote einen Brief eingeworfen. Nächste Woche Dienstag. Noch fünf Tage. Dann sollte Rex den Wesenstest bestehen.

Der nächste Dienstag verstrich.

Beim zweiten Termin mit Coschäfke beschlichen Maier langsam Zweifel, ob der Trainer ihm wirklich helfen könne. Aber der hatte ja über seine Erfahrung berichtet, er kennt solche Hunde und hatte Maier mit nur einem Blick auf Rex bestätigt, dass sein Hund ein besonders gefährliches Exemplar sei. Vermutlich lag es daran, dass Coschäfke es vorzog, im Hintergrund zu bleiben und das Geschehen aus sicherer Entfernung zu kommentieren: „Mehr Angebote, er muss Freude daran haben. Sie verstören den Hund ja total, so wird das nix.“

Zwischenzeitlich erreichte Herrn Maier ein weiterer Brief – diesmal vom Gericht. Zweihundertfünfzig Euro, weil er den Termin hat verstreichen lassen und ein neuer Termin für den Wesenstest. In zwei Wochen. Uff. Herr Maier war nicht gerade Großverdiener, aber er wollte seinen Rex auch nicht verlieren. Also ließ er auch den nächsten Termin verstreichen.

Beim dritten Termin traf Herr Maier nicht auf Coschäfke sondern auf Coschäfkes Frau, die ihm erklärte, dass sie heute eine Lernkontrolle machen würden. „Lernkontrolle?“ dachte sich Herr Maier. „Bis jetzt sind wir doch nur an der Wiese auf und ab gelaufen?“ Frau Coschäfke schaute ihn ungläubig an und murmelte „Ohje, ein schwerer Fall.“

Termin Nummero Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht, Neun, Zehn und Elf fand jeweils mit Frau Coschäfke und einer jungen Frau statt, die bei den Coschäfkes eine Ausbildung machte. Herr Maier lernte, dass er Rex auf sich aufmerksam machen müsse, wie er Rex richtig lobt und wie er ihn beruhigt und wie man fachmännisch Leckerchen verabreicht. Desensibilisierung hieß das Zauberwort. Er kam sich ehrlicherweise etwas dämlich vor. Maier, der Dachdecker und eher grobschlächtige Typ, wie er hier mit piepsiger Stimme und Leckerchenwedelnd mit Rex rumstand. Aber das Prinzip klang schlüssig. Und Rex war es ihm wert.

Nach Acht Terminen konnte sich die Coschäfke-Auszubildene bereits auf Zwölf Meter nähern ohne dass Sexy-Rexxy in der Leine stand und mit ihr Pogo tanzen wollte. Vorausgesetzt sie verzichtete auf direkten Blickkontakt und ging nicht zu schnell.

Weitere fünf Termine später passierte dann, was passieren musste. Eines Abends schlich Herr Maier mal wieder mit seinem Rex an der Wiese entlang und übte Loben. Da kam ihm ein Bekannter entgegen und besaß die Frechheit, sich Herrn Maier einfach so zu nähern. Und Zack ist es passiert – hätte Rex keinen Maulkorb aufgehabt, hätte Maiers Bekannter ein Maulsigniertes „Rex was here“ im Oberschenkel.

Zuhause angekommen griff Herr Maier sofort zum Telefon und rief bei Coschäfkes an. „Heute war schon wieder ein Brief in der Post. Der klingt ziemlich ernst, nächste Woche muss ich mit Rex zum Wesenstest. Was soll ich denn machen? Es hat sich nichts geändert, ganz im Gegenteil. Ich glaube es ist noch schlimmer geworden.“ Frau Coschäfke war empört ob der Schilderungen Maiers: „Herr Maier, wir haben es doch tausendmal geübt. Sie müssen Ihrem Hund Schutz bieten. Wie können Sie zu einem solch sensiblen Punkt im Training zulassen, dass sich jemand dem Hund nähert. Bitte kommen Sie gleich morgen früh vorbei, wir müssen dringend reden.“

Gleich am nächsten Morgen fuhr Herr Maier zu Coschäfkes. Doch der Termin entwickelte sich anders als er es sich vorgestellt hatte. Herr Coschäfke warf einen Blick in den Besprechungsraum, musterte Herrn Maier kurz und ging wieder ohne ein Wort zu sagen. Frau Coschäfke wiederrum setzte sich ihm mit ernster Mine gegenüber und schob ihm ein Blatt Papier zu: „Rechnung“ stand darauf und Frau Coschäfke begann. „Herr Maier, in all meinen Jahren habe ich noch nie jemanden erlebt, der so unfähig ist. Sie befolgen unsere Ratschläge nicht, Ihr Hund hat keine Bindung zu Ihnen und überhaupt, bisher haben wir noch jeden Hund hinbekommen. Aber wenn der Besitzer nicht kooperativ ist, können wir Ihnen auch nicht helfen.“

Am 20. März 2012 klingelte bei mir das Telefon. Am anderen Ende der Leitung Herr Maier. Am Tag zuvor war sein Rex sang- und klanglos durch den Wesenstest gerasselt. Schlimmer noch. Der Wesenstester hatte auf Grund von Rex‘ Show beim ersten Kontakt festgestellt, dass auf Grund der besonderen Gefährlichkeit des Hundes kein Wesenstest möglich sei. Herr Jedermann hat noch am selben Tag die Euthanasieverfügung ausstellen lassen und am Freitag, dem 23. März 2012 wäre es dann soweit und Rex würde eingeschläfert.

Herr Maier schilderte mir die letzten Monate mit Rex. Insgesamt 1.350,00 Euro hatte er bei Coschäfkes gelassen, nochmal die selbe Summe für Bussgelder. Coschäfkes, in die er so viel Hoffnung gesetzt hatte, die doch so viel Erfahrung haben und die ihm kein Stück weitergeholfen hatten. Schlimmer noch, der eine Satz liess Maier keine Ruhe. „Ihr Hund hat keine Bindung zu Ihnen“ Er mochte Rex, ja er hatte ihn sogar lieb. In der Familie war Rex ein Clown, er mochte die Spaziergänge mit ihm und hat sich für seinen Hund vor diesen Leuten zum Deppen gemacht. Und dann das. Keine Bindung. Das hat gesessen! Maier ist kein besonders emotionaler Typ, aber als er seinen Leidensweg mit Rex schilderte, musste er einige Male durchatmen. Man hörte durchs Telefon, wie ihn das belastete.

Ich sagte Herrn Maier, dass ich leider keine Möglichkeit hätte, Rex aufzunehmen, aber vielleicht jemanden kennen würde. Mit Jemanden telefonierte ich dann auch und sagte zu, dass ich mir den Hund anschauen würde. Hm, Freitag, noch drei Tage.

Am 22. März, also am Tag vor der geplanten Einschläferung,  setzte ich mich ins Auto und fuhr die Hundertzwanzig Kilometer Richtung Kleinpopelsdorf. Sicherheitshalber hatte ich Verstärkung dabei. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich zwar einige Hunde kennengelernt, die den Wesenstest nicht bestanden hatten, aber noch keinen, der so gefährlich war, dass der Test erst garnicht möglich war.

Herr Maier wartete vor dem Haus, Rex beäugte uns kritisch aus dem Küchenfenster. Herr Maier hatte seinem Hund den Maulkorb aufgesetzt und wir fuhren Richtung Industriegebiet. Mittlerweile war es abend, es fing langsam an zu dämmern und die Gegend war entsprechend wie ausgestorben. Herr Maier stieg aus seinem Auto und wir besprachen kurz, was nun passieren würde.

Herr Maier sollte sich mit Rex hinstellen und mein Kollege Verstärkung sollte ihn einfach begrüßen. Sonst nichts, wir wollten sehen, wie heftig der Hund nach vorne geht. Hat ja n Mauli an, kann ja nix passieren.

Also, Herr Maier steht, Kollege Verstärkung geht hin, Rex flippt aus – ganz schön heftig in Richtung „Bauch, Beine, Po“ und hört auch nicht auf. Ok, in dem Moment konnte ich den Wesenstester gut verstehen – ich an seiner Stelle hätte das auch nicht ohne Mauli ausprobiert.

Zweiter Versuch, Vorbesprechung. Herr Maier steht, ich geh hin, Händeschütteln, wenn Rex nach vorne schiesst, lassen’Se ihn schiessen, ich regel das, könnte hässlich werden. Puh, ganz schöne Rakete, das Tierchen, Adrenalin, du kommst gerade echt ungelegen. Wenn das mal gut geht, souverän ist anders.

Also, los geht’s, Ich hin zu Herrn Maier, Rex flippt aus, ich mach einmal „Komm tanzen“ und stelle mich auf ne wilde Runde Pogo ein, doch es kommt anders. Rex ist von meinem „Buh“ plötzlich tief beeindruckt. Und ich bin plötzlich tief erstaunt.

Ok, noch n Versuch. Das war bestimmt Zufall. Ich hin zu Herrn Maier, Händeschütteln, Rex guckt und – nix. Hm. In meinem Schädel schwirren Begriffe wie „Euthanasieverfügung“, „Gefährlichkeit“ und „Beissen“ rum.

Weiter geht’s. Kollege Verstärkung geht hin, Hände schütteln, Rex wirds langsam langweilig, er  legt sich erstmal hin und wartet ab. Ein Bekannter von Herrn Maier kommt mit seinem Riesenschnauzer des Weges. „Gebense Hern Maier doch mal die Hand, kann ja nix passieren.“ Riesenschnauzerbersitzer schüttelt die Hund, Rex schnüffelt am Hintern vom Schnauzer.

Am 24. März lebte Rex immer noch. Nur jetzt nicht mehr bei Herrn Maier, sondern in einem Tierheim von Jemanden. Sieben Monate waren seit dem verhängnisvollen Erlebnis mit dem Jogger vergangen, sieben Monate ist Herr Maier mit Rex zu Coschäfkes gefahren, hat einsam auf den Feldwegen am Rande des Industriegebietes gelobt, bestärkt und an der Bindung gearbeitet.

Nur eines hat niemand gemacht, nämlich dem Hund mal zu verstehen zu geben, dass sich das nicht gehört mit dem Beissen und so. Dafür musste man nicht mal ernst werden. Denn hinter Rex‘ Fassade war er wirklich der Clown, den Herr Maier so liebte. Im Ruhrgebiet würde man sagen: Drei Haare am Sack, aber im Puff drängeln. Das trifft es gut.

Und ehrlicherweise glaube ich, dass das auch den Coschäfkes klar war. Aber das wäre eine Unterstellung.

Jemand postete noch am Abend des 24. März ein Bild von Rex auf Facebook. Ohne Maulkorb, in Anwesenheit fremder Menschen, die gemeinsam grillten.

Rex lebt heute bei einer Familie, Coschäfkes werben immer noch damit, dass sie auf Aggression spezialisiert sind und Herr Jedermann hat seine Chance noch bekommen. Wie ich hörte, wurde Ende 2012 ein Hund nach einem Beissvorfall in Kleinpopelsdorf eingeschläfert. Herr Maier lebt nun ohne Hund. er hat mir mal geschrieben, dass er Coschäfkes verklagt hat und die Sache nun vor Gericht ist.

Er hat sich bedankt, dass Rex untergebracht werden konnte und schrieb: „Ich vermisse Rex jeden Tag“.

Tacker und ich

Man sagt ja, dass es die kleinen Momente mit „Ecken und Kanten“ sind, die einem in Erinnerung bleiben, wenn man später an die gemeinsame Zeit mit dem Hund denkt, wenn er mal nicht mehr ist. So gesehen bin ich ein glücklicher Mensch, denn ich werde ich viele, viele Erinnerungen an Tacker behalten.

So er aus, der Tacker, als ich ihn das erste Mal in der Anzeige sah.

So er aus, der Tacker, als ich ihn das erste Mal in der Anzeige sah.

Andere Hundetrainer haben einen Mali, der nahezu in manifestierter Genickstarre seinen Besitzer anhimmelt. Oder einen Deutsch Drahthaar, der als lebendiger Beweis für die Qualitäten des Trainers jedem Reh maximal geringschätzendes „Pff“ entgegenbringt. Häufig auch einen Australian Shepherd, der jeden noch kleinen Blick mit unendlicher Dankbarkeit und tausend Kooperationsangeboten erwidert. Oft trifft man auch auf ganze Podenco-Galgo-Kombos, die das tierschützerische Engagement des Menschen unterstreichen und edel und würdevoll daherschweben

Nunja, ich habe Tacker – der seinen Namen daher hat, dass er mir bereits am ersten Tag unseres gemeinsamen Lebens herzhaft in die freundschaftlich entgegengestreckten Hände gebissen hat.

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Eigentlich verläuft Tackers und mein Leben einigermaßen reibungslos. So lange ich ein Auge auf ihn habe, taugt er sogar zum vorzeigbaren und wohl erzogenen Angeberhund, den jeder Hundetrainer haben sollte. Aber wehe wenn nicht …

Tackerchen ist ein altdeutscher Hütehund, genauer gesagt ein Mitteldeutscher Tiger. Er hat ein bisschen Hüteerfahrung, was bedeutet, dass er Furche laufen kann. „Kann“ wiederrum bedeutet, dass er das nur so lange tut, bis keiner hinguckt.“Nicht Hingucken“ kann als Synonym für so ziemlich alles genutzt werden, was nicht der 100 Prozentigen Laser-Augen-Fixierung mit „Wag es“-Blick entspricht.

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Vergisst man diesen Grundsatz auch nur einen Moment und wagt es zum Beispiel auf die Uhr zu gucken, ist Tackerchen blitzschnell dabei, dem nächstgelegenem Schaf seiner Wahl klarzumachen, warum er der Hund und das Schaf das Schaf ist.

Glücklicherweise hat Tacker einen guten „Griff“, macht nur ein bisschen Wirbel in der Herde, jagt ein bisschen hie und da, richtet aber keinen Schaden aber. Naja, zumindest nicht an Schafen. Anders sieht das aus, wenn jemand es wagt, das Grundstück zu betreten und ich das gerade nicht mitbekomme.

Nun haben wir sage und schreibe fünf (!) „Vorsicht bissiger Hund“-Schilder am Zaun und am Tor angebracht. Was den DPD-Boten allerdings nicht die Bohne zu interessieren scheint. Ich habe schon überlegt – ähnlich wie bei den Warnhinweisen auf australischen Zigarrettenschachteln Bilder von Bissverletzungen ans Tor zu hängen. „Betreten ohne Klingeln gefährdet Ihre Gesundheit“ Todesmutig kommt der Bote wie selbstverständlich aufs Grundstück – Tor und Schleuse ignorierend läuft er in sein Unglück geradewegs 10 ernsthaften Hunden entgegen. Ist der Mann todessehnsüchtig?

Tackers Spezialität ist es, sich dem Delinquenten von hinten anzuschleichen, blitzschnell in dessen Hintern zu beissen und schneller abzuhauen, als der Betroffene überhaupt merkt, wie ihm geschieht. Nun benutzt der DPD-Mann die Klingel.

Ähnlich verhält es sich, wenn Tacker im Hochdachkombi sitzt und ich weiter als 10 Meter entfernt bin. Kommt ein unbedarfter Passant des Weges, geht mein Hund in Deckung, passt den richtigen Moment ab und – Zack – pöbelt, dass der Caddy wackelt.

Kreischende junge Frauen, verschreckt zur Seite springende gestandene Männer – Tacker findet das sauwitzig. Seitdem ich Tacker habe, fahre ich ohne Werbung auf dem Auto …

Mit Artgenossen verteht mein Rüde sich prächtig, vorausgesetzt, sie haben Verständnis für seinen speziellen „Willkommen-in-meinem-Freundeskreis-Initiationsritus“. Zukünftige Freunde kriegen erstmal ordentlich einen auf die Mütze – danach kann man ja immer noch spielen! Wenn die sich Kumpels in Spe davon nicht beeindrucken lassen, schrumpft Tacker in Sekundenschnelle auf Dackelgröße zusammen und mimt den Schleimer – Alles nur Spass, man kann es ja mal probieren.

Abgesehen von den Löchern in den Händen wird mir der erste Tag mit ihm auch sonst in lebhafter Erinnerung bleiben. Nach gefühlten 10 Stunden Autofahrt durch die niedersächsische Prozinz, stand da der Schäfer, der in seinem Auto zwei junge Rüden und die dazugehörigen Elterntiere sitzen hatte:

„Wie alt sind die?“

„Gut 5 Monate.“

„Haben die einen Namen?“

„Nö.“

„Gibt es einen Impfausweis?“

„Nö.“

„Sind die entwurmt?“

„Muss ich meine Frau fragen.“

„Was sollen die kosten?“

„500.“

„Nö.“

Eine Stunde und eine längere Diskussion später hatte ich meinen Verhandlungspartner davon überzeugt, dass sich seine Vorstellungen, was den Handel mit Hunden angeht, von meinen deutlich unterscheiden. Tacker selber saß im Kofferraum und machte sich während der Rückfahrt an die Arbeit, den Stoffbezug von der Rücksitzbank meines Firmenwagens abzufressen. Mit Erfolg.

tacker-teaser

Mittlerweile ist Tacker in der Pubertät, wie man so schön sagt. Flegelphase, Frechdachs, Lausbub … Kleines Arschloch.

Ich glaube, wäre Tacker ein Kind, dann wär sein Name Thorben-Pascal oder Kevin-Henrik und wir wären Stammkunden in der Notaufnahme. Tacker wäre eines von den Kindern, die nur aus Prinzip auf die Herdplatte greifen, unglaublich dämliche Dinge mit Fahrrädern in der Nähe von stark befahrenen Straßen anstellen, zusammengefasst also nur Quatsch im Kopf haben und dennoch immer irgendwie durchkommen.

Sei es, weil sie schnell genug abhauen oder eine gute Ausrede haben. Vor allem aber, weil sie so unverschämt charmant und unschuldig gucken würden, nachdem sie gerade einen halben Stadtteil in die Luft gesprengt haben.

Das Feuerzeug in der Hand, voller Ruß im Gesicht, aber mit einem absolut ernstgemeinten „Hast Du mich noch lieb?“-Blick.

Ja, Tacker, hab‘ ich!

Frau Müller

mueller

Frau Müller heisst vermutlich garnicht Müller, sondern vielleicht Kawutzke.

Sie begegnete mir einige Jahre lang jeden Morgen auf dem Weg zur U-Bahn, als ich noch in einer Stadt mit U-Bahn wohnte. Frau Müller war ungefähr einhundert Jahre alt, in etwa einen Meter groß und brachte vielleicht das Gewicht einer Kiste Premiumbier auf die Waage. Sie war eine unglaublich kleine und dünne Person, mit tiefen Falten in ihrem vom Leben gezeichneten Gesicht. Sie war grau – grauer Rock, grauer Mantel, graue Haut, in etwa so grau wie der Stadtteil, in dem wir wohnten.

Mit ihr unterwegs war immer ein Bullterrier, der so Circa genauso alt wie Frau Müller war, nur dass er – im Laufe der Jahre geschrumpft – ungefähr die Schulterhöhe und nicht das Gewicht einer Bierkiste hatte. Dafür war er deutlich schwerer als sein Frauchen. Ein unglaublich knorriger, markanter Bullterrier, der früher sicherlich sehr eindrucksvoll gewesen war. Auch der Bullterrier war irgendwie grau. Bestimmt ist er als junger Hund strahlend weiß gewesen, hat dann aber aus Solidarität zu seiner Besitzerin ihre Farbe angenommen.

Wenn man aus dem Hochhaus kam, in dem ich zu dem Zeitpunkt einen Einbauschrank mit Klo gemietet hatte, hielt man sich links, lief ungefähr 100 Meter neben dem berühmten Ruhrschnellweg entlang und gelangte so zur oberirdisch gelegenden U-Bahnhaltestelle, die sich treppabwärts genau in der Mitte der Autobahn befand.

Frau Müller war nicht mehr so gut zu Fuss, selbiges galt für ihren Bullterrier. Also überholte ich sie jeden Morgen, wenn ich eilig zur Arbeit hetzte und abends kamen mir die beiden wieder entgegen. Der Bullterrier sah das gelassen, Frau Müller sowieso.

Der Teil des Stadtteils in dem Frau Müller, ihr Bullterrier und ich wohnten, war für sie wie geschaffen. In kurzer Fussreichweite fand man alles, was man zum Leben benötigte. Einen Plus, einen Schlecker, eine Trinkhalle und eine Kneipe, in der man nicht willkommen war, aber in der dafür das Glas „DAB“ nur Einemarkvierzig kostete.

Doch selbst für die kurzen Wege brauchten Müller und Terrier ziemlich lange. Stoisch zogen sie in einer unglaublichen Langsamkeit ihre Bahnen.

Immer wenn ich die beiden sah, habe ich mich gefragt, wie Frau Müller und ihr Hund wohl gelebt haben, als beide noch jünger waren. Ob diese unglaublich kleine Person wohl 15-Kilo-Futtersäcke in ihre Wohnung im Hochparterre geschleppt hat? Oder hat sie Dose gefüttert? Ob der Bullterrier, damals noch jung und wild, wohl an der Leine gezerrt hat und wie Frau Müller ihn bändigen konnte?

Für mich waren das Team Müller immer so etwas wie meine persönlichen Helden. Wie unglaublich friedfertig und gelassen beide durch den Stadtteil schlurften. Mit sich und der Welt im Reinen.

Einmal habe ich Frau Müller dabei gesehen, wie sie im Park Pfandflaschen gesammelt hat. Ihr Bullterrier legte sich an jedem Mülleimer hin und schlief auf der Stelle ein, während sein Frauchen nach etwas verwertbarem suchte. Doch trotz ihrer offensichtlich prekären Situation, erschienen beide würdevoll und stolz.

Der Hausmeister meines Wohnklos erzählte mir mal, dass der Mann von Frau Müller gestorben und der Hund sozusagen das letzte sei, was ihr geblieben ist. Herr Müller habe im Tagebau gearbeitet, beinahe 40 Jahre lang. Die Hunde, so der Hausmeister seien in erster Linie sein Hobby gewesen. Immer Bullterrier, die ganzen 40 Jahre.

Kurz nachdem Herr Müller in Rente gegangen war, starb er an einem Infarkt. Der Hausmeister bestätigte mir, dass sowas einfach nicht fair sei. Fast 40 Jahre lang malocht und dann konnte er nicht mal seine Rente geniessen.

Zurückgeblieben sind Frau Müller und ihr Bullterrier. Und die kleine Wohnung in einem Arbeiterviertel, in dem schon lange kaum noch einer Arbeit hat. Also kümmerte sich nun Frau Müller um den Bullterrier und schlich mit ihm den ganzen Tag durch das Viertel. Zum Supermarkt, zum Schlecker, zum Bäcker und zum Pfandflaschensammeln in der Grünanlage.

An einem Morgen sah ich Frau Müller, aber diesmal lief sie nicht durch die Gegend. Sie saß auf einer Bank. Ohne Hund.

Ich habe mich nicht getraut zu fragen.